Abwertung

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Für eine einzelne Zelle ist es schwierig in einem kranken Organismus gesund zu bleiben. In einer ineffizienten Gesellschaft würde die stellenweise vorhandene Funktionalität verdunsten wie ein Tropfen auf dem heißen Stein. Inmitten eines moralischen Debakels können sich bestimmte – sorgsam ausgewählte – ethnische Werte nicht ausfalten. Den sozialen Verhaltenskodex wieder aufleben lassen bedeutet auch diejenigen zu akzeptieren, die mit der vorherrschenden Ideologie nicht übereinstimmen.

Die staatlichen Medien rufen uns nun dazu auf die verlorengegangenen Werte zurückzugewinnen. Laut den Fernsehkommentatoren sind die Familien, teilweise auch das Bildungssystem- aber nicht die Regierung – für diesen Verfall verantwortlich. Sie sprechen von schlechter Erziehung, Unhöflichkeit, dem Fehlen von Solidarität und der Verbreitung schlechter Angewohnheiten wie Stehlen, Lügen und einer gleichgültigen Haltung. In einem Land, in dem sowohl das Bildungssystem, die Presse als auch das kulturelle Schaffen und dessen Verbreitung seit einem halben Jahrhundert von der gleichen Partei kontrolliert wurden, lohnt es sich durchaus zu fragen woher diese ganze Verarmung eigentlich kommt.

Ich erinnere mich daran, dass als ich noch klein war, niemand sich traute jemanden als „Herrn“ anzusprechen, da dies als ein sozialer Rückstand angesehen wurde. Da die Anrede „Genosse“ mit einer ideologischen Haltung in Zusammenhang stand, fingen viele von uns damit an neue Formen der Anrede zu verwenden wie „Kollege“, „Junge“, „Du…hör mal“ oder „Alter“ und es entstand eine lange Liste von Sätzen, die ins Vulgäre abdrifteten. Und jetzt beschweren sie sich im Fernsehen darüber, dass wir im Gespräch mit anderen anstößige Begriffe um uns werfen, aber… Wer hat denn diesen sprachlichen Verfall letztendlich eingeleitet?

Das kubanische System setzte auf die soziale Manipulation und experimentierte mit der individuellen und der kollektiven Chemie. Das beste Beispiel dieses gescheiterten Laboratoriums ist der sogenannte „neue Mensch“. Dieser Homus Cubanis gedeiht angeblich durch Opferbereitschaft, Gehorsam und Treue. Da die Uniformität nicht mit den ethnischen Besonderheiten der einzelnen Familien vereinbar war, versuchte man sie zu erreichen, indem man Millionen von uns – wann immer es möglich war – von diesem Umfeld fern hielt.

Mit kaum 45 Tagen gab man uns in die Kindertagesstätte, in die sogenannten “círculos infantiles“, nachdem wir dann die ersten Buchstaben gelernt hatten, empfingen uns bereits die Pionierlager, die campamentos pioneriles*, als wir gerade aus dem Kindesalter raus waren, schickte man uns an die Schulen auf dem Land und unsere Jugend verbrachten wir schließlich mit der Universitätsvorbereitung mitten im Nirgendwo. Der Staat glaubte, er könne die Rolle unserer Eltern im Bezug auf unsere Erziehung übernehmen, er dachte, er könne die von zuhause mitgebrachten Werte, durch die kommunistischen Moralvorstellungen ersetzen. Aber die Kreatur, die durch diesen Prozess erschaffen wurde, wich weit von der Ursprungsidee ab. Wir schafften es nicht einmal zu „guten Menschen“ zu werden.

Auch die Religion wurde bei diesem moralischen Feldzug in Angriff genommen und man ignorierte dabei völlig, dass in den verschiedenen Credos nicht nur ein Teil der ethischen und moralischen Werte übertragen werden, die die Zivilisation formten, sondern auch unsere eigenen nationalen Bräuche. Sie brachten uns dazu Andersdenkende abzulehnen, die Präsidenten anderer Länder zu beschimpfen, uns über historische Figuren lustig zu machen und die Zunge herauszustrecken oder eine lange Nase zu machen, wenn wir an einer ausländischen Botschaft vorbeigehen. Sie trichterten uns ihren Revolutionsgeist ein, den sie selbst seit der kubanischen Revolution leben und sie stifteten uns dazu an, uns über diejenigen, die sich auszudrücken wussten, ein breites kulturelles Bewusstsein hatten oder irgendeine Form von Raffinesse aufwiesen, lustig zu machen. Letzteres wurde uns so sehr eingebläut, dass wir vorgaben eine vulgäre Sprechweise zu haben, aufhörten bestimmte Silben zu betonen und unsere Lektüren verschwiegen, damit niemand merkte das wir Sonderlinge waren oder möglicherweise Gegenrevolutionäre.

50 Jahre lang schrie uns ein Mann von einem Podest aus an. Seine Moralpredigten, sein Hass, seine Unfähigkeit sich ein Gegenargument in Ruhe anzuhören, all das waren die „idealen“ Verhaltensweisen, die wir in der Schule lernten. Er impfte uns das Gezeter und die konstante Gereiztheit ein und auch den erhobenen Zeigefinger, um uns an andere zu wenden. Er – der dachte er wisse alles, wobei er in Wirklichkeit sehr wenig wusste – vermittelte uns den Hochmut, das sich nicht Entschuldigen und die Lüge, diese betrügerische List, die er selbst so gut beherrschte.

Jetzt, wo das ethische Spiegelbild der Nation eher einem Scherbenhaufen gleicht, ruft man die Familien dazu auf es wieder zusammenzusetzen. Sie bitten uns darum zuhause Werte zu vermitteln und unseren Kindern Disziplin und Ordnung nahezubringen. Aber wie sollen wir das bewerkstelligen, wenn wir selbst im Bezug auf diese Verhaltensweisen zur Respektlosigkeit erzogen wurden? Wenn es noch nicht einmal eine selbstkritische Reflexion von Seiten der Regierung gab, in der diejenigen, die die soziale Manipulation gegen uns anwandten, sich zu ihren Taten bekennen.

Der ethische Verhaltenscodex lässt sich nicht so leicht wiederherstellen. Die durch die Umgangsformen abgewerteten Moralvorstellungen lassen sich nicht von heute auf morgen wieder auf Vordermann bringen. Und nun? Wie können wir dieses Desaster wieder beseitigen?

Anmerkung. d. Übers.:

* In den campamentos pioneriles sollen den Kindern Werte im Zusammenhang mit der Erziehung, der Hygiene und dem körperlichen Training vermittelt werden.

Übersetzung: Anja Seelmann