Kritik – konstruktiv oder selbstgefällig?

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Er meldete sich während der Versammlung. Der Vorsitzende hatte sie gebeten ganz offen zu reden, woraufhin er die Gelegenheit nutzte sich von der Seele zu sprechen, was er all diese Monate für sich behalten hatte. Er fing bei den niedrigen Löhnen der Angestellten im staatlichen Gesundheitswesen an. Danach erwähnte er die schmutzigen Bäder, die Wasserversorgung, die Risse im einzigen Sterilisiergerät und die undichten Stellen im gesamten Krankenhaus. Er fuhr mit dem Mangel an chirurgischen Instrumenten und der Hitze im Wartesaal, in dem sich die Patienten drängen, fort. Das sei doch nicht auszuhalten, schloss er seine Rede, was den Saal in ein bedrückendes, peinlich berührtes Schweigen hüllte.

Als er fertig war, näherte sich ihm jemand und warf ihm vor seine Kritik sei nicht konstruktiv gewesen, sondern reines Dampfablassen, so dass er in keiner weiteren Versammlung erneut das Wort ergriff.

Hinter dem Argument eine angebrachte und aufbauende Kritik finden zu wollen, verstecken sich jene, die eigentlich jegliche Art von Kritik vermeiden wollen. Die Initiative ergreifen heißt für sie Ehrfurcht zu zeigen und jeden Gesprächsbeitrag mit einem schmeichelnden Satz zu beginnen. Man darf – laut jenen Befürwortern des Applauses – niemals das System in Frage stellen, sondern stattdessen jene Schwachstellen, die es ausbremsen. Konstruktivität bedeutet hier die Anführer des momentanen politischen Prozesses außen vor zu lassen und auf gar keinen Fall die Ideologie in Frage zu stellen. Zudem braucht es dann nur noch einen blinden Glauben, daran, dass sich alles durch die weise Führung der oberen Instanzen regeln wird.

Missachtet jedoch jemand diesen Leitfaden der erlaubten Kritik, so muss er mit Beleidigungen rechnen. Du Miesepeter, Tölpel, Heulsuse wird es zunächst heißen, später können abgedroschenere Beleidigungen wie „CIA-Agent“, „Kontrarevolutionär“ oder „Staatsfeind“ hinzukommen. Seine Beobachtungen werden niemals auf offene Ohren stoßen, denn sie beinhalten weder Unterwerfung, noch Selbstanklage.

Kritik braucht keinen Beinamen. Man darf sie nicht als „konstruktiv” oder „destruktiv“ einordnen, denn viel wichtiger ist es doch, streng und schonungslos zu kritisieren. Ganz wie die Salbe, die man auf eine eiternde Wunde aufträgt, die Kritik schmerzt, lässt uns in Tränen ausbrechen, quält uns … aber letzten Endes heilt sie auch.

Übersetzung: Katrin Vallet