Meine Liebe bist nicht du*, es ist Santiaguito gewesen

Ein Außergewöhnlicher seiner Generation: Santiago Feliú war jahrelang der Liedermacher der „Nueva Trova“ **, den ich am meisten hörte. Seine Themen distanzierten sich von der abgedroschenen Poetik seiner Zeitgenossen und er schaffte es, seinen eigenen persönlichen und unnachahmlichen Stil zu kreieren. In seinen Texten gab es eine gewisse Härte aus dem wirklichen Leben, arm an Ausschmückungen aber voller Lyrik. Er ragte heraus zwischen all den anderen, die einst Rebellen waren und als Angestellte endeten; all den Langhaarigen, die auf einmal einen Militärschnitt trugen und so vielen Alternativen, die zu Beamten in Guayabera-Hemden wurden.

Beliebte Persönlichkeit in den Clubs, der Autor von “Para Bárbara“, besuchte Versammlungen und entlud sich mit Gitarre, Rum und von seinen Melodien begeisterten Menschen. Das ein oder andere Mal hat er bei uns Zuhause im Wohnzimmer gesungen und wir waren überrascht, ihn stotternd zu sehen, als er den Ton zu einem Lied nicht fand. Wie der Albatros von Baudelaire, der hoch fliegt aber unendlich töpelhalft erscheint, wenn er auf dem Deck eines Bootes läuft … in diesem Fall auf einem gestrandeten Boot. Er wirkte nahbar, zugänglich, menschlich, ohne Prahlerei oder Arroganz. Er war einer von uns, einer wie wir.

Bei seinem Tod hat er uns mit dem Bild seiner ungebändigten Mähne zurückgelassen, mit seinen Freundschaftsarmbändern am Handgelenk, und dieser dunklen Kleidung, die Mode machte. Ihm war noch so viel Leben vergönnt, so viele Akkorde; ihm, dem Schüchternen, dem Unehrerbietigen, dem ewig Jungen. Er ist von uns gegangen, er ist weg, so wie „all diese Scheißtage auch vergehen werden“. Dieses mal hatte er nicht Recht, denn „meine Liebe bist nicht du“, aber auch die anderen sind es nicht – sondern es ist Santiaguito gewesen, der im frühen Morgengrauen seine letzte Note spielte, hastig den letzten Schluck nahm und uns mit seiner Musik für die Ewigkeit zurückließ.

* Textzeile in einem Lied von Santiago Feliú

** La Nueva Trova Cubana ist eine Musikrichtung, die Mitte der 1960er Jahre in Kuba entstand, aber erst 1973 unter diesem Namen eine organisierte Form fand. Die Organisation Movimiento de la Nueva Trova löste sich 1986 auf, während die Musikrichtung in verschiedensten Ausformungen fortbesteht. Quelle: http://de.wikipedia.org/wiki/Nueva_Trova

Übersetzung: Birgit Grassnick