Operation Säuberung

Straße „Infanta und Vapor“, acht Uhr abends. Ein Gerüst knarrt unter dem Gewicht der Arbeiter. Die Gegend ist dunkel, aber immer noch streichen zwei Maler mit ihren Pinseln über verschmutzte Balkone, Fassaden und die hohen Säulen, die zur Straße zeigen. Die Zeit ist knapp; das zweite Gipfeltreffen der CELAC beginnt in wenigen Stunden, und bis dahin muss alles für die Gäste bereit sein. Die Straßen, über die die Karawane der Präsidenten zieht, werden ausgebessert, der Asphalt wird erneuert, Löcher werden aufgefüllt und die Armut versteckt. Das wahre Havanna verbirgt sich unter der Attrappe einer anderen Großstadt, so als würde sich über den Schmutz – der sich über Jahrzehnte angesammelt hat –  ein ebenso prächtiger wie vergänglicher Teppich legen.

Danach kommt die “menschliche Säuberung”. Die ersten Anzeichen für das Entstehen eines anderen Szenarios liefern uns die Mobiltelefone. Anrufe verlieren sich im Nichts, SMS-Nachrichten erreichen ihr Ziel nicht, beim Versuch mit einem Aktivisten zu kommunizieren ertönt ein nervendes „besetzt“-Zeichen. Dann kommt die zweite Phase, die physische. An bestimmten Straßenecken stehen vermehrt vermeintliche Paare, die aber nicht miteinander reden; Männer in karierten Hemden, die nervös an das Headset fassen, das an ihrem Ohr versteckt ist; Nachbarn, die sich als Wache vor die Tür derjenigen stellen, die sie gestern noch um ein wenig Salz gebeten haben. In der ganzen Gesellschaft gibt es ein Raunen, aufmerksame Augen –  und Angst, sehr viel Angst. Die Stadt ist angespannt, sie bebt, sie ist im Alarmzustand: Das Gipfeltreffen der CELAC hat begonnen.

Die letzte Phase bringt dann Verhaftungen, Drohungen und Hausarrest. Währenddessen lächeln die Moderatoren im staatlichen Fernsehen, kommentieren Pressekonferenzen, und Kameras werden zu den Gangways der zahlreichern Flugzeuge geschoben. Es gibt rote Teppiche, polierte Fußböden, Baumfarne im Palast der Revolution, Trinksprüche, Familienfotos, Verkehrsumleitungen; alle hundert Meter sieht man Polizisten, Bodyguards, die akkreditierte Presse, Diskussionen über die Öffnung des Landes, bedrohte Menschen, überfüllte Arrestzellen, Freunde mit unbekanntem Aufenthaltsort. Nicht einmal der Raffinerie Ñico López ist es erlaubt, ihren schmutzigen Rauch mittels Schornsteinen in die Luft zu blasen. Die retuschierte Postkarte ist fertig… aber es fehlt ihr an Leben.

Dann, dann ist alles vorbei. Jeder Präsident und jeder Kanzler kehrt in sein Land zurück. Feuchtigkeit und Dreck keimen unter der dünnen Farbschicht an den Fassaden. Nachbarn, die sich an der Operation beteiligt haben, gehen wieder ihrer Langeweile nach, und die Beamten der #OperationSäuberung werden mit All-Inclusive-Hotels belohnt. Die zur Eröffnung ausgesäten Pflanzen vertrocknen aus Mangel an Wasser. Alles kehrt wieder zur Normalität zurück oder dem völligen Fehlen von Normalität, dass das kubanische Leben charakterisiert.

Die inszenierte Momentaufnahme ist vorbei. Auf Wiedersehen zweites CELAC-Gipfeltreffen!

Anm. d. Übersetzerin:

* CELAC – Gemeinschaft der lateinamerikanischen und karibischen Staaten (alle souveränen Staaten Amerikas außer Kanada und den Vereinigten Staaten), gegründet am 23. Februar 2010.

Ziele: Reduzierung der sozialen Ungleichheiten, Zurückdrängung des Kolonialismus, Eindämmung des Einflusses der USA in der Region u.a.

 

Übersetzung: Valentina Dudinov