Sie heißen wie?

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Dutzende warteten vor jener alten Villa im Stadtteil Vedado, die eine Abraham-Lincoln-Statue im Garten hat. Die Sprachschule öffnete ihre Türen für neue Einschreibungen und während dieser Tage fanden Aufnahmeprüfungen für die Anwärter statt. Wir alle warteten nervös und dachten, dass sie uns hier nach unserer richtigen Aussprache … und dort nach der Beherrschung des Vokabulars bewerten würden. Zu unserer Überraschung ging es bei den Hauptfragen jedoch nicht um Sprache sondern viel mehr um Politisches. Am späten Vormittag warnte uns ein junges Mädchen, dessen Aufnahme abgelehnt wurde: „Sie fragen nach dem Namen des ersten Sekretärs der Kommunistischen Partei der Stadt Havanna.“ Wir blieben mit offenem Mund zurück. Wer sollte denn so etwas wissen?

Vor einigen Jahrzehnten waren die Führungskräfte der sogenannten „politischen Organisationen und Massenorganisationen“ bekannte Figuren im ganzen Land. Ob aufgrund exzessiver Präsens in den öffentlichen Medien, der langen Amtszeit, oder aus purem Personenkult – jene Gesichter waren sogar für Grundschulkinder leicht identifizierbar. Unaufhörlich hörten wir, wie vom Sekretär der Union der Jungen Kommunisten gesprochen wurde, wie in jedem Nachrichtenprogramm verkündet wurde, wer den Vorsitz der Kommunistischen Partei Kubas (PCC) in einer Provinz hat; oder wir wurden mit Erklärungen überfüttert, die irgendein Präsident der Studentischen Vereinigung der Universität abgab. Da waren sie eindeutig wiedererkennbar. Einige brachten es sogar zu Spitznamen und zahlreichen Witzen, wegen ihrer Marotten oder ihrer Ineffizienz.

Heute Morgen wurde Carlos Rafael Miranda, der nationale Koordinator des Komitees zur Verteidigung der Revolution (CDR) im Nationalfernsehen erwähnt. Und da ist mir aufgefallen, wie diese Amtsinhaber, die früher so viel Macht zu haben schienen und über so viele Schicksale entschieden, nur noch verschwommen wahrgenommen werden. Heute sind es unbekannte Personen, die diese Institutionen leiten, die jeden Tag bedeutungsloser werden und in Vergessenheit geraten. Führungskräfte, deren Untergebene sich nicht genau an deren Vor- und Nachnamen erinnern können. Personen, die zu spät kamen, um noch in die Blitzlichter der Kameras zu geraten und in die Analysen der Kubanologen……  oder wenigstens die Zielscheibe irgendeines Witzes wurden. Bloße Schatten eines Systems, dessen Charisma zunehmend schwindet.

Übersetzung: Nina Beyerlein