Kapuściński und die Mauern

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Dieses Haus hat einen Zaun aus Eisen mit scharfen Spitzen; das nebenan hat ein riesiges Gitter mit einem zweifachen Schloss. Auf der Tür von gewissen Büros verwehrt uns ein Schild  „Nur für autorisierte Personen“ den Zugang, und in der Umgebung des Staatsrats stehen alle hundert Meter bewaffnete Wachen. Sich vor dem Anderen schützen, den Kontakt vermeiden, den Fremden fernhalten, das sind die Beweggründe für diese physischen wie legalen Barrieren. Eben solche beschrieb Richard Kapuscinski in seinem Artikel „Die hundert Blumen des Führers Mao“ während seiner Reise nach China.

In diesem anschaulichen und scharfsinnigen Text enthüllt der polnische Journalist Ryszard Kapuściński den menschlichen Wahn Hindernisse zu errichten, um uns von Andersartigem zu trennen. Als perfektes Beispiel dient ihm jene „Schlange“ aus Ziegeln, Steinen und anderem Material, die die Geografie des “großen asiatischen Riesen“ durchschneidet. Alles nur, um sich zu verteidigen, um sich abzuschotten von denen auf der anderen Seite der Mauer. Im Fall Kuba war die Sache einfacher, denn ein Streifen Salzwasser hat dem politischen Diskurs „vom belagerten Ort“, „vom Feind auf dem anderen Ufer“ auf wundersame Weise genützt. All das aus Angst, aus purer Angst vor der Verschiedenheit.

Kapuściński dachte über die menschlichen und materiellen Kosten für die Errichtung solcher Mauern nach. Dieselben Überlegungen könnten auch wir für unser Land anstellen. Wie viel hat uns unsere Isolierung gekostet? Wie viele Ressourcen haben wir für Schützengräben und Kriegstunnel verschwendet, für aggressive diplomatische Kampagnen, für schulische Indoktrination, um so die Idee eines äußeren Feindes zu befördern? Wie viele Leben wurden zerstört, entwürdigt, oder endeten auf Grund jener Mauern, errichtet zum Nutzen einiger weniger. „Eine Mauer dient nicht nur dazu sich selbst zu verteidigen… sie gestattet auch das zu kontrollieren, was in ihrem Inneren geschieht“.So liest man es im Buch “Reisen mit Herodot“; und es schmerzt, dass nach 60 Jahren dies immer noch Realität an so vielen Orten ist.

 

Anm. d. Übersetzers:

Ryszard Kapuściński, * 4. März in Pínsk (Weißrussland), + 23. Januar 2007 in Warschau, war ein polnischer Reporter, Journalist und Autor. Er ist einer der am häufigsten übersetzten Autoren Polens.

 

Übersetzung: Dieter Schubert

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