Briefe sind Briefe

Cartas son cartas
Foto: Silvia Corbeille

Die Morgennachrichten haben Raidel sprachlos gemacht. Gerade jetzt, als er sich ein Auto zum subventionierten Preis kaufen wollte, wurde das Ende dieses Privilegs verkündet.

Gerade erst hat er den Brief mit der Genehmigung erhalten, mit Unterschriften und Stempeln, nachdem er monatelang von einem Büro ins andere geschickt wurde, von einem Bürokraten zum anderen. Das Schwierigste war es zu beweisen, dass seine Einkünfte aus dem staatlichen Sektor kamen, zu belegen, dass er jeden einzelnen Centavo mit der Ausstattung von Hotelanlagen verdient hat. Mit der bereits erteilten Erlaubnis harrte er vier Jahre lang auf einer Warteliste aus, die über siebentausend potenzielle Käufer enthielt. Bis zu diesem Morgen, als sein Traum – loszugehen und sich einen preiswerten Peugeot oder Hyundai auszusuchen – genauso schnell verpuffte, wie die Nachricht im Fernsehen vorgelesen wurde.

Kürzlich hat der Ministerrat beschlossen, den Verkauf von modernen Neu- und Gebrauchtwagen schrittweise für natürliche Personen einzuführen – ob Einheimischer oder Ausländer. Zwei Jahre nach der Verlautbarung des Dekrets 292 hat sich die Realität durchgesetzt und zwang zu einer Erweiterung der engen Grenzen dieser Verordnung. Der Legalisierung von An -und Verkauf von Fahrzeugen unter Privatleuten hat man jetzt den Erwerb von Autos über Händler hinzufügt, von solchen mit Kilometerstand „null“ oder Jahreswagen. Von der lediglichen Erlaubnis mit Produkten aus zweiter Hand zu handeln, gehen wir dazu über, ein „neues Paket“ mit bestimmten technischen Garantien bekommen zu können, aber eben über die staatlichen Handelsketten, zu einem Preis, den die Regierung festsetzt und den man vermutlich in bar bezahlt.

Eine solche Maßnahme begünstigt die aufstrebende Mittelschicht, die begierig darauf ist, immer mehr moderne Statussymbole zu besitzen. Im Endeffekt werden die sozialen Unterschiede – die in den letzten fünf Jahren ohnehin dramatisch zugenommen haben – sich weiter vergrößern. Obwohl der politische Diskurs immer noch von Gleichheit und von Chancen für alle spricht, richtet sich diese Flexibilisierung an diejenigen, die hohe Einkünfte in konvertiblen Pesos haben. Sie sind die großen Gewinner des Tages, während zu den Verlierern Kubaner wie Raidel zählen, dessen Brief mit der Genehmigung zum Kauf eines Autos nicht einmal mehr musealen Wert hat. Menschen, die jahrelang applaudierten, simulierten und hart arbeiteten, verstehen heute, dass der Markt sich über ihre beruflichen und politischen Verdienste hinweggesetzt hat.

Übersetzung: Valentina Dudinov

Ein Gedanke zu „Briefe sind Briefe

  1. Ja, und es wird noch schlimmer und ungerechter werden im Kapitalismus. Wie in Osteuropa, wo die ehemaligen Parteifunktionäre und Geheimdienstler die neureichen Kapitalisten wurden. Den sie besitzen die Mittel und das Wissen um den neuen Kapitalismus aufzubauen, bzw. sich noch weiter zu bereichern.

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