Lazarus, der alte Heilige

lazarus

Am Eingang des Gebäudes steht eine lebensgroße Skulptur eines bärtigen Mannes mit Krücken. Alle bekreuzigen sich vor ihm. Ebenso aus Holz geschnitzt sind die zwei Hunde an seiner Seite: Magere unterwürfige Straßenköter. Das Abbild des Heiligen Lazarus spielt eine besondere Rolle, wenn sich die Festlichkeiten zu seinem Gedenktag nähern. Er gehört zu den meist verehrten Heiligen unseres Landes und die Volksfrömmigkeit, die er auslöst, wird an vielfachen Beispielen sichtbar. In seiner Wallfahrtskirche in El Rincón wimmelt es jeden 17. Dezember nur so von Pilgern, die ein Gelübde einlösen, von Blumenverkäufern und von Polizisten. Ihn umgeben die Traurigen, die Bedürftigen; jene, denen der Erfolg trotz der größten Bemühungen nie vergönnt war, und die vom Glück, der Wissenschaft oder der Liebe verlassen wurden.

Als ich mich El Rincón nähere, spüre ich bereits diese von Schmerz und Glauben ausgehende Energie. Das Leprasorium mit seinen traurigen Geschichten, die illegalen Siedlungen, die auf beiden Seiten der Bahnlinie gewachsen sind, und der Geruch der immer brennenden Kerzen. Das ist kein Ort des Lachens. Manchmal habe ich einen meiner Freunde begleitet, wenn er eine Votivgabe darbrachte, da seine Bitte erhört wurde. Öfter ging ich mit dieser gewissen Neugierde hin, die Unverständliches und uns Unerklärliches in uns hervorruft. Mindestens zwei Mal betrat ich am 16. Dezember um Mitternacht den Tempel und erlebte dort Momente, die man nur schwer wieder vergisst. Jemand weint, schreit und viele beten, es ist erdrückend heiß, alle schwitzen, es riecht nach offenen Wunden und nach Armut. Keine weitere Seele findet mehr Platz in der Kirche.

Heute ging ich aus dem Haus; ganz in der Nähe hat man einer Statue des alten Lazarus einen lilafarbenen Umhang umgelegt. Ein alter Mann – der an ihm vorbeiging – beugte sich vor, um ihm etwas ins Ohr zu flüstern. Auch er hat einen bejahrten Bart und seine Kleidung ist noch aus der Zeit, in der Industrieprodukte auf dem Markt rationiert waren; die Zeit der sowjetischen Subventionen. Als ich sah, wie sein hageres Gesicht sich dem des Heiligen näherte, bemerkte ich ihre Ähnlichkeit. Beide im betagten Alter, beide besitzen nur das, was sie bei sich tragen, und zum Lachen haben sie beide keinen Grund. Beide sind sich so nah, jedoch einer auf dem Altar und der andere auf der Straße. Der eine ist von Versprechen umgeben, die es zu erfüllen gilt; der andere weiß, dass alle die ihm gemacht wurden, bereits gebrochen sind.

Übersetzung: Nina Beyerlein

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