Einschlafen

schlafenszeit

Foto: Luz Escobar

Noch eine! Noch eine! Noch eine!, verlangt er, während er seine Schultern auf ein Kopfkissen legt und die Beine zur Zimmerdecke streckt. Die Mutter muss schnell eine neue Geschichte erfinden, eine, die ihren Sohn einschlafen lässt. So kann es vorkommen, dass sie die Geschöpfe der Gebrüder Grimm mit denen mischt, die sich in kubanischen Comics finden, um damit ihrem Sohn eine hübsche Fabel zu erzählen, Moral eingeschlossen. Die Babyflasche fällt auf die Seite, die Beine werden ruhig und die Augenlider fallen herunter. Erfolgreich…., das Kind ist eingeschlafen. Auf der anderen Seite der Tür warten noch mehrere Stunden Hausarbeit auf sie. Teller abspülen, das Badewasser für ihren Mann erhitzen, und die Bohnen, die in einem zischenden Schnellkochtopf dünsten. Aber wenigstens schläft das Kind schon.

Trotz der Geschwindigkeit des modernen Lebens und der beengten kubanischen Wohnverhältnisse, erzählen viele Eltern ihren Kindern immer noch Geschichten beim “zu Bett gehen“. Manche lesen lieber vor, während andere Geschichten erfinden, oder sich die in Kindheit gehörten ins Gedächtnis zurückrufen. Videospiele und Disneyfilme haben neue Möglichkeiten und Personen beigesteuert, über die man erzählen kann. So kommt es nicht selten vor, dass in diesen Geschichten „Der kleine Däumling“ und „Buzz Lightyear“ Freunde werden, oder dass Harry Potter das Opfer eines vergifteten Apfels wird. In Zeiten, in denen sich Kulturen mischen, überrascht es auch nicht wenn sich ein Reggae-Riff in den Mund eines Zauberers aus dem Feenreich einschleicht, oder in die Geschichte einer bösen Hexe. Wichtig ist, dass die Augenlider schwer werden und der Schlaf möglichst bald kommt.

Vor ein paar Tagen hat mir ein Freund erzählt, dass seine Tochter von ihm eine neue Geschichte verlangt habe. „Eine, Papa, die in keinem Buch steht“, forderte sie. Der Vater, müde vom Arbeitstag und nicht in der Lage eine neue Geschichte zu erfinden, beschloss, ihr von seinem gewöhnlichen Tagesablauf zu erzählen. „Es war einmal ein Mann – begann er –, der jeden Tag um 6 Uhr morgens aufstand“. Während er sprach hingen die Augen seiner Tochter an jeder seiner Gesten, in der Erwartung, dass sich der Protagonist in einen Helden oder einen Schurken verwandeln würde. „Er suchte nach rationiertem Brot – so fuhr er fort -, und zu seiner Arbeit fuhr er dann mit einem Omnibus, der manchmal kam und manchmal nicht“. Auf dem Gesicht des kleinen Mädchens waren Zeichen von Ungeduld zu erkennen, aber die Stimme fuhr fort. „Am Monatsende erhielt er einen Lohn, der kaum reichte, um die Stromrechnung zu bezahlen und einige Nahrungsmittel zu kaufen, weswegen der gute Mann einige schlimme und illegale Dinge tun musste um zu überleben….“.

Ein Geräusch, das sich wie Frust anhörte, unterbrach den eintönigen Erzähler. Das Mädchen hatte mit seinen Händchen ein Kissen weit aus dem Bett geworfen und sagte dabei: “Nein Papi, nein; ich möchte eine Geschichte hören, in der die Guten gewinnen….!“

Übersetzung: Dieter Schubert

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