Hirngespinste, Übergangsphasen und Szenarien

quimeras

  • Text, den ich in der Ausgabe Nr. 19 in der Zeitschrift Voces veröffentlicht habe

„Jegliche Frustration ist die Geburt übersteigerter Erwartungen“ sagt mir zum wiederholten male ein Freund, als sich die Prognosen der Schönfärberei, die ich mir andauernd ausdenke, zerschlagen. Die letzten Jahrzehnte meines Lebens – und die vieler Kubaner – waren eben genau das Schicksal nicht erfüllter Vorhersagen, Szenarien, die nie konkretisiert und Hoffnungen, die zu den Akten gelegt wurden. Eine Sprechabfolge der Kabbala, Riten der Wahrsagung und zum Mond gerichtete Blicke, welche in voller Wucht auf die störrische Realität prallen. Wir sind ein Volk von frustrierten Nostradamus, von Schwarzmalern, die sich das Leben nicht als solche verdienen würden, Propheten, welche eine Vorhersage nach der anderen treffen, ohne dass sich auch nur eine davon je erfüllt.

In unserer heimischen Geschichte gab es in den neunziger Jahren die höchste Anzahl defekter Orakel. Ich erinnere mich daran, dass ich mir Menschenmengen in den Strassen vorgestellt habe, den Ruf nach Freiheit, den Druck der Not und das soziale Elend explodierend in einer pazifistischen Revolte, die alles ändern würde. Das war meine Jugend und wir waren auch eine Gesellschaft von Laien … und wir sind es immer noch. Deshalb die Illusion des Vorher und Nachher, eines Umstandes, der erneut die Nation entzweien wird, wo wir eines Abends mit dem Gedanken an den politischen Wandel zu Bett gehen und sich dieser noch vor dem nächsten Sonnenaufgang erfüllt haben wird. Wie alle kleinen Kinder haben wir an Zauberer geglaubt. An jene die mit dem Zauberstab kommen, mit dem Plakat oder der Bühne, und alles auflösen.

Und dann ist es geschehen. Obwohl es nicht im entferntesten dem ähnelte was ich mir vorgestellt hatte. Wir hatten den Maleconazo, den Aufstand im August 1994, aber was die Menschen auf die Strasse brachte war nicht der Versuch etwas im Land zu ändern, sondern der Wunsch dem Inseldasein den Rücken zu kehren und weg zu laufen, egal wohin. Es gab weder wehenden Fahnen, noch Rufe wie „Es lebe das Freie Kuba“ dafür aber herausgerissene Türen um Flosse zu bauen und einen langen und sich in die Länge ziehenden Abschied an unserer Nordküste. Mein weiser Freund sagte mir zum wiederholten Male …. „ich habe es dir gesagt, du erleidest Enttäuschungen weil du immer zuviel erwartest“.

Zwei Jahrzehnte sind vergangen, die Reife hat die Gesellschaft nicht erreicht aber einige hartnäckige, graue Haare tauchen auf meinem Kopf auf. Ich weiß ja, dass es zwischen dem Wunsch und dem Ereignis in den meisten Fällen eine Scheidung gibt, ein unergründlicher Witwenstand. Ich bin pragmatisch geworden, aber nicht zynisch. Alles was ich von der Realität gelernt habe – frei nach einem guten Poeten – war nicht alles was es in der Realität gab. Als ich mit dem Gedanken aufwachte „dieses System ist bereits gestorben“ hat mich seine Fähigkeit, ein „lebender Toter“ von 54 Jahren zu sein, gebissen.

Folglich glaube ich jetzt nicht mehr an Lösungen, welche von lächelnden Gesichtern und Umarmungen auf den Strassen begleitet werden. Es kommen harte Zeiten. Die Übergangsphase wird schwierig sein und es wird nicht einmal einen Tag geben um sie zu feiern. Höchstwahrscheinlich wird es keinen Jubel und keine Gesänge geben. Wir sind wieder einmal zu spät gekommen, sogar zum Wechsel. Die Bilder vom Berliner Mauerfall, dies war nur einmal möglich. Für uns wird es nur – und hier riskiere ich eine weitere Vorhersage – eine graue Transformation geben, ohne denkwürdige Momente.

Ein Tag nach dem Castroregime … falls es noch einen Tag nach dem Castroregime gibt

Eines Tages werden wir zurück schauen und wir werden bemerken, dass das Castroregime gefallen ist oder einfach aufgehört hat zu existieren, und dabei die besten Jahre meiner Mutter, meine besten Jahre und die besten Jahre meines Sohnes mit sich gerissen hat. Aber vielleicht ist es besser so, ohne erneut einen ersten Januar zu haben, nicht mit Bildern von Männern mit griechischen Gesichtszügen rechnen zu müssen, welche eine trainierte Taube auf der Schulter haben. Vielleicht ist es besser, einen Wechsel zu haben, der durch die Mutlosigkeit der Vergangenheit entstanden ist, als eine erneute blutige Revolution, die uns alle zerstört.

Danach, danach wird auch nicht viel Zeit bleiben für große Feiern. Die Blase der falschen Statistiken wird platzen und wir werden auf das Land prallen welches wir tatsächlich haben. Wir werden feststellen, dass nicht einmal die Kindersterblichkeitsrate die ist, die sie uns all die Jahre glauben machten, dass wir nicht „das gebildetste Volk der Welt“ sind und dass die Staatskassen leer sind …. leer …. leer. Natürlich werden wir viele im Chor sagen hören „mit Raúl Castro ging es uns viel besser“. Man sollte anfangen den Namen des Stockholm-Syndroms zu ändern und ihn in dieser tropischen Geografie ansiedeln.

Es wird die Verantwortlichkeit kommen, dieses Konzept auf welches nur wenige vorbereitet sind. Unser Leben in die Hand zu nehmen und „Vater Staat“ auf seinen Platz zu verweisen, ohne Protektionismus aber auch ohne Autoritarismus. Die Demokratie ist absolut langweilig, also werden wir uns langweilen. Diese ständige Angst, dass sie uns abhören, diese Panik, dass der Nachbar oder Freund ein Verräter des staatlichen Sicherheitsdienstes ist, wird es nicht mehr geben. Dann werden wir also sehen ob wir uns trauen laut auszusprechen was wir denken, oder ob wir es vorziehen, dass die Politiker von Morgen unser Schweigen bequem steuern können.

Zu den ersten freien Wahlen werden wir uns zeitig in den Wahllokalen einfinden, wir werden miteinander reden und lächeln. Trotzdem, beim dritten oder vierten Ruf zu den Urnen wird sich etwa die Hälfte der Bevölkerung der Stimme enthalten. Bürger zu sein ist ein Vollzeit-Job und ihr wisst, dass wir nicht an ständige und effiziente Arbeit gewöhnt sind, und auch nicht daran konsequent zu sein. So kann es sein, dass wir erneut unsere Verantwortlichkeit auf einen populistischen “Schönredner“ übertragen werden, der uns das Paradies auf Erden verspricht, und versichert, dass er im Dilemma zwischen “Sicherheit und Freiheit“ sich verstärkt um die erstere kümmern werde. Wir werden ihm auf den Leim gehen, denn wir sind ein Volk von Kindern und noch „grün“ hinter den Ohren.

Die Narben werden lange brauchen, um zu verschwinden; aber neue Verletzungen werden sehr schnell auftreten. Die Verbindung von hohem beruflichem und niedrigem ethischem Niveau, wird uns bittere Pillen schlucken lassen. Es würde mich nicht wundern, wenn wir uns in ein Zentrum der Fabrikation von Drogen verwandeln würden, und dem Handel damit. Auch dies wird ein Teil des Erbes sein – ein Teil von so vielen anderen – das uns das Castro-Regime hinterlassen wird: ein raubgieriges Volk, wo das Wort “Werte“ altmodisch wird…..und unnötig.

Auch der Konsumrausch erscheint unvermeidbar. Jahre mit Rationierung, mit Unterversorgung und trister Handelsware von altmodischen Marken werden bewirken, dass sich die Menschen hungrig auf den Markt stürzen. Es wird Zeit vergehen, bis wir eine ökologische Bewegungen sprießen sehen, eine Bewegung sich natürlich zu ernähren, oder dass man uns zu Mäßigung an Stelle von Verschwendung aufruft. Der Appetit zu haben, zu kaufen, sich zur Schau zu stellen wird stark zunehmen, und auch das wird zu den Folgeerscheinungen gehören, die uns ein System hinterlassen wird, das Wasser predigte, während die Oberschicht Wein trank.

Wir werden sehen, wie sie sich wie Chamäleons verändern. Jene, die einmal sagten “so etwas habe ich niemals gesagt.“ Wir werden sehen, wie sie Ideologie gegen Wirtschaftlichkeit eintauschen, das Handbuch des Marxismus gegen ein Handbuch für den Unternehmer, olivgrüne Uniformen gegen Schlips und Kragen. Sie werden von einer notwendigen Aussöhnung sprechen, von Vergessen, und davon, dass „wir alle ein Volk sind“. Sie werden als Ausgestoßene einer Amnesie verfallen, und sie überwachen und werden weiter überwachen; weil ein Verräter immer ein Verräter bleibt.

Jeder der irgendwann einmal kritisch zur Regierung stand, wird diesen „Bekehrten von morgen“ zutiefst unangenehm sein. Denn wenn sie ihn anschauen werden sie sich erinnern, dass sie selbst nichts getan haben, um die Dinge zu ändern, sondern dass sie aus Feigheit oder Opportunismus geschwiegen haben. Deshalb wird ihr Ziel auch sein, die frühere kubanische Dissidenten-Bewegung zu begraben. Sie werden sie benutzen und dann beiseite legen. Wir werden Geschichten von geschlagenen und eingesperrten Menschen hören, wie sie Hochbetagte erzählen werden, die die Sozialversicherung vergessen hat. Heute schon sehen wir Boxer in den Straßen – Teilnehmer an olympischen Spielen -, die um Almosen betteln. Die Medaillen der Vergangenheit werden den Zynikern der Zukunft weh tun,….. denn dem Heldentum werden sie keinen Raum geben, weil es sie stört.

Die Gedenktage in den Schulbüchern werden sich ändern. Viele Statuen wird man entfernen und an ihrer Stelle solche aufstellen, zu denen wir die Namen lernen müssen und Blumen zum Jahrestag niederlegen sollten. Manche Heldengedichte wird man ersetzen, andere neu aufnehmen. Zusammen mit allen die sagen, dass sie Oppositionelle waren und mitgeholfen haben, das Castro-Regime zu Fall zu bringen, könnten wir eine „Macht der Bürger“ etablieren, getragen von Millionen von Personen. Wir werden einen Wettstreit sehen, wer die meisten Verdienste am Wandel hatte und sich die meisten Orden an den Rockaufschlag heften darf. Sie werden – als Kompensation – einen Posten in der öffentlichen Verwaltung fordern, eine Pension und eine Erwähnung im Buch der Geschichte.

Schlechte Vorhersagen, gute Vorbereitungen

Müde davon, Blumen in die Zukunft zu werfen und sie mir strahlend vorzustellen, glaube ich inzwischen, dass wir mehr Energie aufbringen diese zu ändern, wenn wir sie uns in dunklen Farbtönen ausmalen. Es ist an der Zeit an morgen zu denken, denn der Castrismus ist gestorben, obwohl er geht, atmet und die Faust ballt. Der Castrismus ist gestorben, denn sein Lebenszyklus ist bereits seit einiger Zeit abgelaufen, sein Freuden-Zyklus war sehr kurz, sein Teilhabe-Zyklus existierte nie. Der Castrimus ist gestorben und man muss anfangen, den Tag nach seiner Beerdigung zu planen.

Sehnlichst wünsche ich mir, von Vorschlägen zu lesen und von Plattformen, die Alternativen aufzeigen, mit denen wir uns in der Stunde auseinandersetzen müssen, nachdem der Sarg dieser sogenannten Revolution unter der Erde ruht. Wo sind die Programme für diesen Moment? Sind wir auf diesen grauen Wandel – der bereits unabwendbar ist – vorbereitet, ganz ohne Helden und ohne fallende Mauern? Wissen wir schon, wie wir uns den neu anfallenden Problemen stellen werden und den Schwierigkeiten, die von allen Seiten auftauchen werden; die bereits existieren, jedoch verstummt und verfälscht.

Uns auf das schlimmste aller möglichen Szenarien vorzubereiten, wäre ein Zeichen von Reife, das uns helfen wird, diese zu überwinden. Das bürgerliche Netzwerk wird auf jeden Fall eine transzendente Rolle spielen. Nur durch die Stärkung der Sozialstruktur kann vermieden werden, dass wir dem nächsten politischen Hypnotiseur in die Arme fallen, oder in ein Netz von Chaos und Gewalt. Lasst uns keine Präsidenten suchen, die erscheinen von selbst; suchen wir lieber nach Bürgern.

Vergessen wir die feiernde Menschenmenge in den Strassen und auch den Innenminister, der seine Archive öffnet und uns wissen lässt, wer ein Informant war und wer nicht. Sehr wahrscheinlich wird es nicht so kommen. Der Enthusiasmus der öffentlichen Demonstrationen hat sich gelegt und die enthüllenden Dokumente werden nicht mehr existieren, sie werden sie verbrannt oder mitgenommen haben. Wir sind spät zur Transition gekommen. Jedoch bedeutet das nicht, dass sie uns misslingen wird, oder dass wir bereuen werden, sie ins Leben gerufen zu haben.

Wir können – zumindest das können wir – bei so vielen Dingen bei Null anfangen. Vom Kelch der Erfahrungen und Katastrophen anderer trinken, sodass uns die Möglichkeit bewusst wird, den Samen der Demokratie in eine Welt zu säen, in der so viele versuchen deren krumm gewachsenen Stamm aufzurichten. Wenn unser Wandel misslingt, wird der halbe Planet auf uns zeigen und uns fragen: „Und, ist es das, was sie für Kuba wollten?“ „Ist das der Wandel, den sie sich so herbeigewünscht haben?“ Ohne apologetisch zu klingen, tragen wir nicht nur die Verantwortung für unsere Nation sondern auch für einen großen Teil der Menschheit, der noch an einen erfolgreichen Wandel von einer Diktatur zu einem System der Mitbestimmung glaubt.

Die Realisierung ist das Kind der schweren Herausforderung

Ich weiss schon, was mein skeptischer Freund sagen wird, wenn er diesen Text liest. Lachend wird er nuscheln: „Selbst wenn du pessimistisch bist, bleibst du eine Träumerin.“ Aber ebenso wird er zustimmen, dass ich nicht mehr jene Jugendliche bin, die den Morgen erwartete, an dem sie von Jubelgeschrei auf der Strasse geweckt wird, sich unter das Volk mischt und mit ihm in Richtung José Martí – Statue in den Zentralpark zieht. Ich weiss schon, dass es nicht so sein wird. Aber vielleicht ja noch viel besser.

Übersetzung: Birgit Grassnick, Dieter Schubert, Nina Beyerlein

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