Mein Kätzchen „Vinagrito“

In Gedenken an Teresita Fernández

Warum erwärmte uns dieses Lied des Kätzchens Vinagrito so sehr das Herz? Ich glaube nicht, dass der Grund dafür die karge Fernsehlandschaft ist, die unsere Kindheit in den 70er und 80er Jahren unter anderem prägte, und die fast ausschließlich aus Produktionen der UdSSR und anderen osteuropäischen Ländern bestand. Es sind auch nicht die indirekten Anspielungen auf die Suche des Menschen nach Anerkennung, die bereits im „hässlichen Entlein“ von Hans Christian Andersen so meisterhaft beschrieben wird. Nein, es lag nicht nur daran, obwohl dies natürlich auch Gründe sind, die man dafür aufzählen kann, diesen Refrain, der einem nicht mehr aus dem Ohr geht, zu wiederholen.

Die Geschichte des Kätzchens Vinagrito, welches vor dem Leben auf der Straße gerettet wurde, hatte diesen sensiblen und niedlichen Touch, der vielen Zeichentrickfilmen aus der sozialistischen Welt fehlte. Denn letztere waren oft eher nüchtern, tragisch oder lehrreich, während ihnen dieses Melodramatische, mit einer gewissen Prise Humor und Lächerlichkeit, das die kubanische Identität ausmacht, komplett fehlte. Schon allein mit seinem Namen – dem Diminutiv eines Essigs, den wir in der Küche verwenden – schafft es das Kätzchen mit dem zerzausten Fell, dass wir es gleichzeitig lieben und uns über es lustig machen. Es ist eine Geschichte, die unter anderem von Zurückweisung, Befreiung und Verwandlung handelt, und in der es Vinagrito am Ende schafft, zu etwas zu werden, was keiner von ihm erwartet hätte: ein niedliches und glückliches Haustier, das die Schnurrhaare zufrieden in seiner Milch verschwinden lassen kann.

Es ist schwierig, sich nicht mit dem „hässlichen und dürren“ Kätzchen zu identifizieren, das von der Straße aufgelesen wurde, da viele von uns das Gefühl hatten, dass unsere „Außenwelt“ den Verlust der eigenen Persönlichkeit und der Individualität bedeutete. Vinagrito schaffte es – stellvertretend für uns alle- ein Zuhause zu finden, in den warmen Schoß einer Familie zu kommen, die ihn mit Aufmerksamkeit überhäufte. Er wurde gerettet, während wir immer weiter verloren gingen. Er fand am Ende ein Zuhause, während viele von uns in Unterkünften, Lagern oder der Armee landeten. Er miaute den Mond an, während wir anderen einer Ideologie der Illusionen folgten.

Es war gut, auf sein Schwänzchen und seine Vorliebe für Fisch zählen zu können, denn sonst wäre alles viel langweiliger gewesen.

Übers: Anja Seelmann

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