Das wundersame Milligramm

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Als ich die Mittelschule besuchte, schockierten mich zwei der vielen Ausdrücke, mit denen man uns demütigte. Einer davon war selbstbezogen. Seinen negativen Beigeschmack verdankt das Wort den Mea Culpa-Bekenntnissen, in denen die Anwärter bei Eintritt in den Kommunistischer Jugendverband an sich selbst Kritik übten, weil sie sich nicht immer als Teil eines Kollektivs verhielten. Ein weiterer abwertender Ausdruck war strebsam, der in diesem Kontext jemanden beschrieb, der zu intellektuell oder wissbegierig war und sich viel mit Büchern beschäftigte. Die guten Schüler wurden als „Streber“ abgestempelt und alle Anführer, die sich in jeder Gruppe ganz von selbst hervortun, wurden mit dem Makel der Selbstbezogenheit versehen. Man tat also gut daran nicht sonderlich hervorzustechen, sich nicht übermäßig anzustrengen…so schien die Warnung zu lauten, die in diesen abwertenden Ausdrücken mitschwang.

Heißt man die Mittelmäßigkeit des Einzelnen gut, so schafft man mittelmäßige Gesellschaften. Die Verteufelung aller, die über Talent oder Unternehmungsgeist verfügen, bremst die Entwicklung einer Nation. Das Humankapital einer Gesellschaft kann nicht allein auf Titeln, akademischen Abschlüssen und Diplomen basieren, es kann nur aus einer Bevölkerung entstehen, die das Wissen zu würdigen weiß. Eine weitere grundlegende Voraussetzung ist, dass man seine Intelligenz offen zeigen kann, ohne sie verstecken zu müssen, als ob man sich ihrer schämen müsste. In jedem von uns steckt ein potenzieller Wissenschaftler und Entdecker, der ein Umfeld braucht, in dem seine Fähigkeiten Anerkennung finden. Ein Land, das sich der Wissenschaft verschrieben hat, muss Labore und Impfstoffe vorweisen können, aber es muss auch dafür sorgen, dass ein jeder sich seine Errungenschaften anrechnen lassen kann und für sein Talent, sowohl materiell, als auch spirituell, belohnt wird.

In Kuba kann es noch so viele Hochschulabsolventen geben, doch solange diese weder gesellschaftliche, finanzielle noch gesetzliche Anerkennung für ihre Arbeit bekommen, können wir uns wohl kaum eine Nation der Wissenschaft nennen. Es ist traurig, dass man denjenigen, die zur Waffe gegriffen haben, mehr Statuen und Plätze widmet, als jenen, die mit ihren Mikroskopen und Spritzen Leben gerettet haben. Das wundersame Milligramm* des Wissens benötigt ein Umfeld, in dem es wachsen kann. Dieses fruchtbare Land trägt den Samen der Bildung in sich, der durch den Traum von einem besseren Leben dank wissenschaftlicher Entdeckungen bewässert wird, und der sich ohne Freiheit nicht entfalten kann.

Anm. d. Ü.

* Eine Ameise, die getadelt worden war, weil sie nicht genug Gewicht tragen konnte und sich zu leicht ablenken ließ, fand eines Morgens, als sie wieder einmal vom Weg abgekommen war, ein wundersames Milligramm. Ohne lange über die Folgen ihres Fundes nachzudenken, sammelte sie es auf und stemmte es sich auf ihren Rücken. Mit Freude stellte sie fest, dass diese Last wie für sie gemacht war. Das ideale Gewicht dieses Etwas gab ihrem Körper eine seltsame Energie, gleich dem Gewicht der Flügel eines Vogels (Auszug aus „Das wundersame Milligramm“ aus „Erzählungen“ von Arreola, Juan José, Mexiko, Alfaguara, 1997

Übersetzung: Katrin Vallet


Mein Dank gilt dem Universal Thinking Forum für den Anstoß zu diesen und vielen anderen Reflexionen.

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