„Baby – Unzen“

onzas

Er hat unten an seiner Hose einen doppelten Saum eingenäht. Dieser ist groß genug, um das Milchpulver zu verstauen, welches er heimlich aus der Fabrik entwendet. Bis jetzt hat er noch nie Probleme gehabt, aber ab und zu setzen sie einen neuen Aufseher ein und dann kann er einige Tage lang nichts mit nach Hause nehmen. Die Arbeit in der Milchfabrik hat ihn aus beruflicher Sicht eigentlich nie besonders interessiert, aber er würde sie gegen keine andere mehr eintauschen. Seiner Arbeit als Packer verdankt er die Geburtstagsfeier, die er für seine Tochter zum 15. Geburtstag ausrichten konnte, das Namensschild an seinem Hauses und das kleine Motorrad, mit dem er durch die ganze Stadt fährt. Er hat einen Arbeitsplatz, um den er von vielen beneidet wird. Es ist eine Tätigkeit, die jeder nach 6 Klassen Schulausbildung ausüben könnte, die aber dennoch unter Promovierten, Experten und sogar Wissenschaftlern sehr begehrt ist. Es ist ein Job bei einer Firma, in der man stehlen kann.

Einfallsreichtum und Illegalität gehen Hand in Hand, sobald es darum geht, seinen Lebensunterhalt zu bestreiten. Unter dem Hemd versteckte, eingerollte Schläuche, mit denen Alkohol aus den Destillieranlagen geschmuggelt wird. Zigarrendreher, die die Zeit abpassen, in der die Überwachungskamera in eine andere Richtung zeigt, um eine Havanna unter dem Tisch verschwinden zu lassen. Bäcker, die mehr Hefe hinzufügen, damit der Teig übermäßig aufgeht, um das Mehl weiterverkaufen zu können. Taxifahrer, die geschickt die Angaben des Taxameters verfälschen, Verkäuferinnen, die aus jedem Behälter Flüssigwaschmittel eine kleine Menge abzapfen und Bauern, die in jeden Sack Bohnen ein paar Steinchen hineingeben, damit er mehr wiegt. Die Kreativität ist grenzenlos, wenn es darum geht den Staat und den Kunden hereinzulegen, und ist auf der gesamten Insel verbreitet.

Und dennoch, trotz all der kreativen und gewitzten Ideen, um den eigenen Lebensunterhalt zu „erkämpfen“, von denen ich erfahren habe, sticht eine ganz besonders hervor. Ich erfuhr davon durch eine Freundin, die in einer Geburtsklinik in Havanna ein untergewichtiges Baby zur Welt brachte. Sowohl das Kind als auch die Mutter mussten in der Klinik bleiben bis es zumindest ein Pfund zugenommen hatte. Dieser Prozess ging nur sehr langsam voran und die frischgebackene Mutter wollte unbedingt wieder nach Hause. Im Badezimmer gab es kein fließendes Wasser, das Essen war grauenhaft und ihre Familie musste jeden Tag einiges auf sich nehmen, um ihr Nahrungsmittel und saubere Kleidung zu bringen. Und obendrein musste meine Freundin auch noch mit ansehen, wie andere untergewichtige Babys nach kurzer Zeit aus dem Krankenhaus entlassen wurden. Sie schilderte ihre Verzweiflung einer anderen Patientin und diese erwiderte lachend: „Bist du denn doof? Weißt du nicht, dass die Krankenschwester die Unzen verkauft?“ Diese Frau im weißen Kittel, die jeden Morgen durch die Krankenhauszimmer lief, verdiente sich etwas dazu, indem sie gegen Bezahlung ein höheres Gewicht in die Krankenakte eintrug. Sie verkaufte sozusagen nicht vorhandene „Baby-Unzen“. Was für ein Geschäft!

Seitdem ich diese Geschichte gehört habe, überrascht mich nichts mehr im Bezug auf die verschiedenen Methoden mit denen die Kubaner um ihr Überleben „kämpfen“.

Übersetzung: Anja Seelmann

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