Meine Rede auf dem Forum 2000*

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Thema des diesjährigen Forums 2000 vom 15.-17. Sept. 2013: Gesellschaften im Umbruch.

Guten Abend: Vor mehr als zehn Jahren fiel mir zum ersten Mal das Buch von Vaclav Havel „Die Macht der Mächtigen oder Die Macht der Machtlosen“ in die Hände. Es war mit einer Seite aus der offiziellen Tageszeitung meines Landes eingebunden, der Zeitung der Kommunistischen Partei Kubas. Bücher einzubinden war eine von vielen Arten, wie wir unbequeme und von der Regierung verbotene Texte verbargen, sodass politische Informanten und Polizisten sie nicht zu sehen bekamen. So konnten wir im Geheimen die Geschichten über Ereignisse lesen wie den Mauerfall von Berlin, das Ende der Sowjetunion, die Tschechische Transformation und all die anderen Geschehnisse Osteuropas. Wir wussten von all diesen Übergangsphasen, einige traumatischer, andere erfolgreicher und viele von uns träumten davon, dass die Wende bald unsere Karibikinsel erreicht, die seit über fünf Jahrzehnten dem Totalitarismus unterliegt. Doch man muss sich Veränderungen nicht nur herbeisehnen, man muss sie schaffen. Die Veränderungsprozesse kommen nicht von alleine, die Bürger müssen sie auslösen.
Heute bin ich hier, genau in der Stadt, in der Vaclav Havel geboren wurde, jener Mann, der wie nur wenige den Geist der Transition in sich vereint. Außerdem stehe ich vor vielen Personen, die dem Wunsch nach einem Wandel in ihrer Gesellschaft vorangetrieben, unterstützt und verkörpert haben. Denn die Suche nach den Horizonten größerer Freiheit ist ein wesentlicher Bestandteil der menschlichen Natur. Daher sind sie so verdreht und unnatürlich, diese Regime, die versuchen, ihre Macht über ihre Völker zu verewigen, sie zu lähmen und ihnen den Wunsch zu nehmen, von einer besseren Zukunft zu träumen.
Zu der Zeit von Vaclav Havel, Lech Walesa und vielen anderen Dissidenten der kommunistischen Regime waren der pazifistische und gewerkschaftliche Kampf, bis hin zum künstlerischen Schaffen effektive Methoden, um den Wandel herbeizuführen. Nun kommt uns auch die Technologie zur Hilfe. Jedes Mal wenn ich ein Mobiltelefon benutze, um eine Verhaftung zu melden, oder wenn ich in meinem Blog über die schwierige Situation so vieler kubanischer Familien schreibe, muss ich daran denken, wie diese Geräte mit ihrenTastaturen und Displays den Aktivisten der vergangenen Jahrzehnte geholfen hätten. Welche Reichweite hätten ihre Stimmen und Projekte haben können, wenn sie auf die sozialen Netzwerke und das Cyperspace hätten zurückgreifen können, was wir heute zur Verfügung haben. Das Web 2.0 war zweifelslos ein Impulsgeber für diesen Geist der Transition, der im Inneren von uns allen wohnt.
Heute ist zum ersten Mal eine kleine Repräsentation von kubanischen Aktivisten hier im Forum 2000. Nach jahrzehntelangem Eingesperrtsein auf unserer Insel, als das Regime unseres Landes vielen Dissidenten, unabhängigen Journalisten und alternativen Bloggern verbot, ins Ausland zu reisen, haben wir einen kleinen Sieg errungen: Sie haben uns das Schloss der nationalen Grenzen geöffnet. Es ist ein unvollständiger, limitierter Sieg, denn es fehlen noch viele andere Dinge. Die Vereinigungsfreiheit, der Respekt vor der freien Meinung, die Möglichkeit, dass wir selbst für uns wählen können, wer uns vertritt, das Ende dieser Hassaktionen, die immer noch auf den Straßen Kubas stattfinden und sich gegen diejenigen richten, deren Gedanken nicht mit der Ideologie der Regierung übereinstimmen. Trotzdem fühlen viele von uns, dass sich Kuba im Umbruch befindet. Ein Umbruch, der auf eine ganz unwiderrufliche und exemplarische Weise passiert: aus dem Inneren des Einzelnen heraus, im Bewusstsein eines Volkes.
An dieser Phase des Übergangs werden viele von Ihnen mitgewirkt haben. Viele von Ihnen, die erst die Freiheit erlangt haben und dann feststellten, dass dies nicht das Ende des Weges ist, sondern dass die Freiheit neue Probleme mit sich bringt, neue Verantwortlichkeiten, neue Ziele. Sie alle, die in ihren jeweiligen Ländern den Atem des Wandels am Leben gehalten und dabei ihren Namen und ihr Leben riskiert haben.
Der Geist der Transition ist in jenem Buch von Vaclav Havel enthalten, das zur Tarnung mit den Seiten der offiziellen Zeitung eingebunden wird, die fortschrittsfeindlicher und reaktionärer ist, als Sie es sich vorstellen können. Wie jenes Buch kann die Transition verboten werden, zensiert, per Dekret fast zu einem hässlichen Wort gemacht werden, aufgeschoben und verteufelt werden… aber sie wird sich immer durchsetzen.

Übersetzung: Nina Beyerlein
Anm.d.Ü.
Das “Forum 2000” findet jährlich in Prag statt. Zu diesem Forum kommen seit 1997 prominente Ideengeber, Nobelpreisträger, ehemalige und jetzige Verantwortungsträger aus Politik und Wirtschaft, um über den Globalisierungsprozess zu sprechen, über seine positive Seiten, wie seine Gefahren. (Nach wikipedia)

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