Auf der Suche nach der verlorenen Pille

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Das Stück Papier schoben sie unter der Tür durch, aber er fand es erst am nächsten Tag. Die Liste war in einer groben Handschrift geschrieben, mit einer Orthographie, die “r” durch “l” ersetzte und einige “bs” durch “v”. Trotzdem verstand er alles. Das Diazepam kostete weiterhin 10 Pesos für zehn Pastillen und es sollte täglich verfügbar sein, zumindest für den nächsten Monat. Paracetamol brauchte er auch, so dass er neben dem Medikamentennamen eine Zwei eintrug. Dieses Mal brauchte er Alkohol nicht, aber Nistatincreme notierte er. Seinem Sohn, von Natur aus unruhig, täten einige Tabletten Meprobamat gut, deshalb schrieb er einen Vorrat davon für einige Wochen dazu. Dieser Händler war vertrauenswürdig, noch nie hatte er ihn übers Ohr gehauen, all seine Medizin war von guter Qualität und einiges sogar Importware. Mehr als einmal kaufte er von ihm noch versiegelte Fläschchen, auf denen “Verkauf verboten, nur gratis zu verteilen” stand.

Der Handel mit Medikamenten und anderem Krankenhauszubehör wächst täglich. Ein Stethoskop kostet auf dem Schwarzmarkt das Gehalt von zwei Arbeitstagen; das Asthmaspray Salbutamol entspricht dem Gegenwert eines ganzen Arbeitstages. Angesichts der unterversorgten staatlichen Apotheken können die Patienten und deren Familianangehörigen nicht untätig bleiben. Eine Rolle Heftpflaster kommt auf ungefähr zehn Pesos der Nationalwährung, der selbe Preis wie für ein Glasthermometer. Entweder man bricht das Gesetz oder man schätzt weiterhin das Fieber mit der Hand auf der Stirn. Die Gefahr rührt jedoch nicht nur von der Übertretung einer Verordnung. Viele Klienten behandeln sich selbst oder nehmen Tabletten, die ihnen kein Arzt verschrieben hat. Dem Schwarzmarktverkäufer muss man kein Rezept vorzeigen und er fragt auch nie, was der Kunde mit den Pillen oder den Fläschchen macht.

Trotz wiederholter Säuberungsaktionen gegen den Medikamentenschmuggel scheint das Phänomen noch zuzunehmen, anstatt zu schwinden. In dem Bezirk Puentes Grandes von Havanna ist ein altes Gebäude der Papierindustrie, umfunktioniert zum pharmazeutischen Lager das Paradestück der Strategie und des Versagens der Regierung im Kampf gegen den illegalen Verkauf. Die Polizei ist unfähig, diese Situation zu beseitigen, denn es werden Medikamente abgezweigt von Lagerangestellten, technischen Hilfkräften in Apotheken, von Krankenschwestern, Ärzten und sogar von Klinikchefs. Die höchste Nachfrage besteht nach Schmerzmitteln, Entzündungshemmern, Antidepressiva, Spritzen, Watte und schmerzstillenden Salben. Begleiterscheinungen des illegalen Arzneimittelmarktes sind Fälschungen und Betrug. Einige kleine weiße Pillen, zum 30- fachen Preis ihres eigentlichen Wertes, können das Problem beenden oder andere schlimmere hervorrufen.

Übersetzung: Iris Wißmüller

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