Lima und der Staub

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Jeder Stadt teilen wir ein Gesicht zu, jedem Ort eine Persönlichkeit. Camagüey erscheint mir wie eine nüchterne Dame mit langem Stammbaum, Frankfurt trägt die Haare wie ein Punk sowie eine nicht dazu passende Krawatte, Prag hat blaue Augen und ein schiefes Lächeln, wie von jenem jungen Mann, der – nur für eine Sekunde – meinen Weg kreuzte. Lima hingegen hat ein unbeschreibliches, aber mit Staub bedecktes Gesicht. Der Staub Limas wirbelt umher und legt sich auf alles und allem nieder. Er überfliegt die Steilküsten, die sich abrupt zu einem Meer öffnen, das uns Menschen aus der Karibik zu kalt und zu unruhig erscheint. Winzige Partikel aus Erde und Sand kleben sich an den Körper, ans Essen, ans Leben. Staub auf den Früchten des Dschungels, auf dem frisch serviertem „Ceviche“*. Staub ist auch im „Pisco Sour“**, der im Gaumen das Verlangen nach mehr und auch nach nie mehr hinterlässt. Eine goldfarbene, unwirkliche Schicht liegt über den Windschutzscheiben der Autos und dem Zeitungsverkäufer, der dem Rot der Ampel trotzt, um seine Ware noch zu verkaufen, bevor es dunkel wird. Der Staub, in dem wir alle nach unserem letzten Tag enden, nimmt Lima bereits im Leben für uns vorweg.

Wie ein Mädchen mit kupferfarbener Haut so erscheint mir Lima. Reserviert, mit der geheimnisvollen Schweigsamkeit derer, die aus den Bergen kommen. Zudem hat sie heilende Hände. Denn in Lima erlangte ich meine Stimme zurück und das ist keine Metapher. Ich kam nach mehr als 50 Tagen intensiver Reise erschöpft an, heiser und mit Fieber. Ich ging erholt, gewärmt von meinen Freunden, und mit zurückgewonnener Energie, nachdem ich eine Stadt gesehen hatte, die über ihre eigenen Grenzen hinausgewachsen ist. Ich tauchte die Füße zum ersten Mal in den Pazifik, ich kletterte den Hügel des Dorfes El Salvador hinauf, um die Leute zu sehen, die trotz der Trockenheit des Bodens und der Armut Land gewinnen. Ebenso war ich in der historischen Altstadt, mit ihren Kirchen, Touristenangeboten und religiösen Prozessionen. Denn Lima besteht aus unzähligen Städten, von denen einige sich eigenwillig über andere ausbreiten. Wie ein junges Mädchen, dessen Körper aus ihren Kleidern hinausgewachsen ist, und die ihr nun nicht mehr passen. Daher die Verkehrstaus und die vielen Kräne, die überall Gebäude hochziehen. Diese Stadt hat ein Gesicht, das in der Eile zusammengesetzt wurde, ein Auge von hier, ein Mund von dort, eine Stirn von irgendwoher; sie ist Mestizin, eine Gang-Lady, eine Deutsche, Schweizerin, Chilenin und Spanierin…. und ganz viel Lima.

Anm. d. Ü. :
*“Ceviche“ – Peruanisches Fischgericht
** „Pisco Sour“ – Peruanischer Cocktail aus Traubenschnaps
Übersetzung Nina Beyerlein

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