Brasilien … ah Brasilien!

vuelo

Ein Reisetagebuch zu schreiben ist so schwierig wie in einer Diskothek für eine Matheprüfung zu lernen. Ich verfolge aufmerksam die neue Welt, die sich vor meinen Augen auftut, seit ich Kuba verlassen habe. Doch ich sehe mich vor die Alternative gestellt: entweder ich erlebe das, was mir hier passiert, oder ich erzähle darüber; entweder ich bin die Protagonistin dieser Rundreise, oder ich bin die Journalistin, die über sie berichtet. Beide Sichtweisen gleichzeitig einzunehmen ist schwierig, berücksichtigt man die Schnelligkeit und die Intensität jedes Ereignisses. Doch ich werde versuchen, einige Eindrücke niederzuschreiben. Bruchstücke dessen, was mir passiert, zuweilen chaotische Fragmente dessen, was ich erlebe.

Die erste Überraschung im Ablauf ergab sich auf dem Flughafen José Martí von Havanna, als einige Passagiere nach dem Passieren der Kontrollstellen auf mich zu kamen und mir ihre Solidarität zeigten. Die Zuneigungsbekundungen wuchsen mit dem Fortschreiten der Reise und in Panama traf ich einige auch sehr liebenswürdige Venezolaner. Sie baten mich jedoch, das Foto mit ihnen nicht auf Facebook hochzuladen, damit sie keine Probleme in ihrem Land bekämen. Nach dieser Zwischenlandung kam der längere Flug nach Brasilien mit einem mentalen und körperlichen Gefühl der Dekompression. Als ob ich zu lange ohne zu atmen unter Wasser gewesen wäre und nun einen tiefen Atemzug tun könnte.

Der Airport von Recife ist ein Platz für Umarmungen. Dort traf ich viele Menschen, die mir jahrelang in meinem Bestreben geholfen haben, zu reisen und die nationalen Grenzen zu verlassen. Es gab Blumen, Geschenke und sogar eine Gruppe von Leuten, die mich beschimpften, was mir sehr gefiel – das gebe ich zu- weil es mir die Gelegenheit gab zu sagen, dass ich immer davon träumte, dass „sich die Leute in meinem Land eines Tages auch ohne Repressalien öffentlich so gegen etwas äußern dürften“. Ein wirkliches Geschenk der Meinungsvielfalt für mich, die ich von einer Insel komme, die man mit der monochromen Farbe der Einstimmigkeit einzufärben versucht hat. Später begab ich mich ins Internet, das hier für mich unbegreiflich schnell funktioniert, ohne zensierte Seiten und ohne Beamte, die über meine Schultern schauen, welche Seite ich besuche.

Bis jetzt läuft also alles sehr gut. Brasilien hat mir das Geschenk der Vielfalt und Liebenswürdigkeit gemacht und die Möglichkeit gegeben, so viel Erstaunliches wahrzunehmen und darüber zu erzählen.

Übersetzung: Iris Wißmüller

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2 Gedanken zu „Brasilien … ah Brasilien!

  1. Oh wie schön dass du endlich deine Reise angetreten hast!
    Ich freue mich schon auf die nächsten Berichte und Tweets, und wäre sehr glücklich dich bald auch in Deutschland zu sehen!

  2. Gute Reise, Yoani! Du besuchst Länder, wo Gewaltkriinalität um vielfaches stätker ist, als in Kuba. Immerhiin, eine interessante Reise steht vor Dir.

    Millionen von Deutschen können sich eine solche Reise nicht leisten. Könntest Du uns helfen?

    Nein, nicht finanziell. Um eine Art guten Profi-Ratgeber möchte ich dich bitten.

    Wie soll ich ein Blog schreiben damit mir ein Feind Deutschlands eine Reise durch Lateinamerika bezahlt?
    Ich würde die deutsche Regierung beschimpfen (aber nicht primitiv, sonder wie die Yoani es macht), ihre Fehler aufzählen, Strassenlöcher und Obdachlose fotografieren, vielleicht auch schlafende Beamten und prügelnde Polizisten und natürlich auch über das das süsse Leben der deutschen Diplomaten berichten. Hast Du noch weitere Ideen?

    Drei Blog Beiträge und 100 Tweets pro Woche schaffe ich. Nur Dein Talent fehlt mir noch, um die Incentive-Reise wie Deine bezahlt zu bekommen.

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