Im Jahr 2013: Gründe, um zu bleiben

cielo_cubano

Es muss jemanden geben, der am Fuß der Gangway steht, tschüs sagt, das Taschentuch herausholt und damit hin- und herwinkt. Jemand muss die Briefe, die farbenfrohen Ansichtskarten und die Ferngespräche entgegennehmen. Jemand muss da bleiben und sich um das Haus kümmern, das einmal voll von Kindern und Verwandten war, muss die Pflanzen gießen, die sie hier gelassen haben, und den alten Hund füttern, der ihnen so treu gewesen war. Jemand muss die Familienerinnerungen aufheben, Großmutters Kleiderschrank aus Mahagoni und den breiten Spiegel, an dessen Ecken der Spiegelbelag abgeblättert ist. Jemand muss jene Witze in Erinnerung behalten, die niemanden mehr zum Lachen bringen, und die Negative von Fotos, die nie ausgedruckt wurden. Jemand muss dableiben, einfach nur um dazubleiben.

Dieses Jahr 2013, in dem so viele auf die Umsetzung der Migrationsreform warten, könnte ein Jahr werden, in dem wir oft ‘auf Wiedersehen‘ sagen. Auch wenn ich die Entscheidung jedes Einzelnen, sich da oder dort niederzulassen, respektiere, lässt mich die Traurigkeit über die andauernde Abwanderung von kreativen und talentierten Menschen, die meinem Land widerfährt, nicht los. Erschreckend ist die große Anzahl von Kubanern, die hier nicht länger leben wollen, die ihre Kinder auf dieser Insel nicht großziehen möchten, noch ihre beruflichen Pläne in diesem Land verwirklichen wollen. Es ist ein Prozess, auf Grund dessen ich mich in den letzten Monaten von Kollegen und Freunden verabschieden musste, die ins Exil gingen, von Nachbarn, die ihr Haus verkauften, um sich einen Flug irgendwohin leisten zu können, von Bekannten, die ich eine Weile nicht mehr gesehen habe, um dann ein paar Wochen später zu erfahren, dass sie jetzt in Singapur oder Argentinien leben. Menschen, die es leid waren, zu warten und ihre Träume auf später zu verschieben.

Es muss aber jemand hier bleiben, um die Türe abzusperren, das Licht aus- und wieder anzuschalten. Viele müssen hier bleiben, weil dieses Land mit neuen Ideen wiedergeboren werden muss, mit jungen Menschen und Konzepten für die Zukunft. Wenigstens die Illusion muss erhalten bleiben, die Regenerationsfähigkeit muss hier fortbestehen und der Enthusiasmus muss mit diesem Land weiterhin fest verbunden sein. In diesem Jahr 2013 muss bei den vielen, die hier bleiben, unbedingt Zuversicht herrschen.

Übersetzung: Angelika Münch-Holzmeier

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4 Gedanken zu „Im Jahr 2013: Gründe, um zu bleiben

  1. Ich glaube, dass die Kommentatoren Claudia und Peter nie ein Kind beobachten konnten, das eine lädierte Puppe,die keine Arme und Beine hat, heiss und innig drückt.

  2. Es gibt keinen Grund in einem Gefängnis zu bleiben, wenn man gehen könnte. Ich finde diesen Artikel – typisch cubanisch – übertrieben „romantisch“. Hier gab es schon mal bessere Artikel. Aber es ist eben Cuba: jeden Tag die gleiche ermüdende Situation.

  3. Irgend jemand muss bleiben, wird bleiben. Gerade erstmals von einem kurzen Aufenthalt in Cuba zurückgekehrt (und noch ohne echte, tiefergehende Beziehung zum Land) denke ich oft darüber nach, wie es dort weitergehen könnte. Es ist so schwer, ein Gefühl dafür zu entwickeln, was diesem wunderbaren, komplizierten, ermatteten Land und seiner Bevölkerung zu wünschen ist. Daher großen Dank für die Vokabel „Wiedergeburt“ – weil darin soviel Zuversicht schwingt, Hoffnung und auch Stolz.
    Bei Begegnungen mit jungen Leuten in Kuba hatte ich oft das Gefühl, dass die Dimension des Kollektiven, Politischen, Öffentlichen kaum eine relevante Bezugsgröße ist, dass über eine kritische Rekonstruktion des Landes, auch im Sinne einer fundamental kritischen Würdigung der Ideale (und vielleicht auh Errungenschaften) der Revolution, kaum gesprochen wird. Bei allem Verständnis hat mich das ratlos und auch traurig gestimmt. Ich hoffe, bald besser zu verstehen, wünsche Kuba alles Gute und seinen Menschen, v.a. auch den hungrigen, jungen, talentierten bald auch mehr Perspektive zuhause, mehr Mitwirkungs- und Entfaltungmöglichkeiten.

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