Überleben

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Das Licht ist schummrig, das Zimmer schmal und das Gemurmel von Santo Suárez dringt durch die Wände. Auf dem Bett liegt eine bis auf die Knochen abgemagerte Frau mit eiskalten Händen und kaum vernehmbarer Stimme. Martha Beatriz Roque ist vor einer Woche in den Hungerstreik getreten. Ich kam bei ihr an, gefangen in der Hektik des Alltags und Informationen hinterher jagend. Aber ihr Gesicht strahlt die Ruhe aus, die die Zeit und die Erfahrung mit sich bringen. Da ist sie, so zerbrechlich wie ein kleines Mädchen und so leicht, dass ich sie auf meinen Schoß setzen und in den Schlaf lullen könnte. Mich überrascht ihre Klarheit und auf welch kategorische Art und Weise sie mir erklärt, weshalb sie die Nahrung verweigert. Jedes Wort, das ihr – sehr intensiv – zu artikulieren gelingt, scheint nicht aus jenem durch das Fasten geschwächten Körper zu kommen.

Ich dachte eigentlich, nie mehr am Bett einer Person, die sich im Hungerstreik befindet, stehen zu müssen. Der falsche Optimismus, dass in der Zukunft alles besser sein muss, hatte mich glauben lassen, dass Gillermo Fariñas mit seinen hervorstehenden Rippen und seinem ausgetrockneten Mund (http://www.desdecuba.com/generaciony/?p=3664) der letzte Widerständler gewesen wäre, der das Hungern als Waffe gebrauchen würde, um für bürgerliche Anliegen einzutreten. Aber zwei Jahre nach jenen 134 Tagen, die er ohne einen Bissen zu essen verbrachte, sehe ich erneut diese eingesunkenen Becken und die fahle Farbe eines Menschen, der das Essen verweigert. Diesmal sind es im ganzen Land schon 28 Personen, und wieder ist der Anlass die Wehrlosigkeit der einzelnen Person gegenüber einer durch die Ideologie übermäßig geprägten Gesetzmäßigkeit. Da es keine anderen Wege gibt, an die Regierung heranzukommen, werden die leeren Därme dazu benutzt, Forderungen zu erheben und aufzubegehren. Es ist traurig, dass sie uns nichts als unsere Haut, Knochen und Magenwände gelassen haben, um uns Gehör zu verschaffen.

Bevor ich das Haus von Martha Beatriz verließ, sprach ich ihr zu ‘du musst überleben, diese Art von Regierungen muss man überleben‘. Und ich ging auf die Straße hinaus, umfasst von dem Gefühl von Schuld und Verantwortlichkeit, welches jeder Kubaner bei einer so traurigen Angelegenheit empfinden sollte. ‘Überleben, überleben‘, dachte ich die ganze Zeit, als ich mich mit der Familie von Jorge Vázquez Chaviano (http://www.desdecuba.com/generaciony/wp-content/uploads/2012/09/martha-beatriz.jpeg) unterhielt, der am 9. September hätte freigelassen werden sollen und dessen Haftentlassung die Fastenden verlangen. ‘Überleben, überleben‘, wiederholte ich auch noch, als ich von der verschlechterten körperlichen Verfassung der anderen Streikenden erfuhr. ‘Überleben, überleben‘, sagte ich zu mir, als ich im Fernsehen die Gesichter derer sah, die in diesem Land eine Meinungsverschiedenheit in ein Verbrechen und einen bürgerlichen Protest in Hochverrat verkehrt haben. ‘Überleben, überleben, man muss sie überleben‘, gelobte ich mir. Aber vielleicht ist es dafür ja bereits zu spät.

Übersetzung: Angelika Münch-Holzmeier

2 Gedanken zu „Überleben

  1. Das war ja ein toller Hungerstreik, mit Lebensmittel-Lieferungen durchs Fenster auf der Rückseite des Hauses. So kann man es aushalten.
    Hat Yoani bei ihrem Besuch wenigstens entwas mitgebracht? Schokolade?

  2. Wofür, konkret, streiken Sie?

    Konkretes werder wir von Yoani nicht erfahren. Aus ihrer Blogs kann ich entnehmen, dass sie für Einführung des Privatfernsehenes, Privatisierung der Unternehmen (wer, mit Namen und Vornamen, sollen die neuen Eigentümer werden?) und für Verbilligung des Internets sind.

    Sollen wir glauben, dass irgendjemand für diese Ziele sein Leben einsetzen würde? Ich glaube es nicht, und halte derartige Entschlankungskuren als Show für die Medien.

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