Den Papa mäßigen

murillo21

Für Marino Murillo, Vizepräsident Kubas und Vater, der vor wenigen Tagen mit ansehen musste, wie seine Tochter ins Exil fuhr.

„Papa, misch dich da nicht ein“, riet ihm die Tochter am anderen Ende der Telefonleitung. Dieselbe Tochter, die ihm vor ein paar Wochen etwas Geld und ein Paket mit Medikamenten und Kleidung geschickt hatte. Diejenige, die vor einem Jahrzehnt ausgewandert ist und von Berlin aus die Hauptstütze der Familie bildet, die in Havanna zurückblieb. Der Vater schluckt trocken, jedes Mal wenn seine Erstgeborene ihn per Telefon wiederholt davor warnt, sich in die Angelegenheiten der Kommunistischen Partei oder des Komitees für die Verteidigung der Revolution einzumischen und sich etwa für Hetzkampagnen gegen Oppositionelle benutzen zu lassen. „Hör mal, es ist kurz davor, dass alles zusammenstürzt, und du bist derjenige, der mit Schlamm beworfen wird“, betont die insistierende junge Frau. Also hat der Pensionär gehorsam seine ideologische Intoleranz um mehrere Stufen heruntergeschraubt, hat diese Wut, die die Gegner „seines Kommandanten“ in ihm hervorriefen, gemäßigt und sogar seinen Mitgliedsausweis der Kommunistischen Partei ganz hinten in einer Schublade versteckt.

Er sieht verändert aus. Wenn jemand mit ihm über Politik spricht, springt er zu Themen wie das Wetter oder Baseball. Mit den abtrünnigen Nachbarn, die er sich weigerte zu grüßen, spricht er wieder und zwinkert ihnen sogar komplizenhaft zu. Schon erscheinen ihm die Sitzungen des Verbandes der Kämpfer langweilig, die Zeitungen so leer, die Parolen so falsch… er schaltet nicht einmal mehr den Fernseher ein, wenn Reden der Regierung übertragen werden. Was ist mit ihm passiert? Eine Mischung aus Frustration, Ärger über die mickrige Rente, die herrschende Korruption und die Verschiebung von Träumen auf unbestimmte Zeit. Aber in seinem Fall waren seine Kinder der wichtigste Katalysator für die Unzufriedenheit, die entscheidende Ablehnung, die seine Ideenwelt erhalten konnte. Der Großteil lebt in Europa und der Jüngste überquerte mit dem Floß die Meerenge von Florida. Niemand wollte bleiben und auf die Früchte des Systems warten, für das „Papa so sehr kämpfte“.

Nach dem Weggang seiner „lieben Kleinen“, entdeckte er in sich selbst einen gemäßigteren Mann, der in der Lage ist zu akzeptieren, dass auch die Kinder anderer Leute gehen, ohne mit Eiern oder Beleidigungen nach ihnen zu werfen. Er lässt es nicht zu, dass man seine Sprösslinge als „Verräter“ bezeichnet und er erkannte, dass die englische Sprache, die seine in Arkansas geborene Enkelin spricht, keinesfalls die Sprache des Teufels ist. Außerdem sind die Vitamine, die sie ihm schicken, so gut, das Gel gegen Rückenschmerz von solcher Qualität, die Dollar über Western Union so zweckmäßig… Kurz und gut, er ist ein anderer Mensch. Im Oktober dieses Jahres wird er in die Vereinigten Staaten fliegen, um seine Familie zu besuchen und er plant, nicht zurückzukehren. Er wird gehen ohne Lärm, ohne sich zu verabschieden, sich nicht einmal bei der einzigen Partei, der er diente, abzumelden. Er wird gehen, ohne sich öffentlich zu distanzieren, und er wird sich bei niemandem der unzufriedenen Menschen entschuldigen, die er vor Jahrzehnten beschimpfte, anspuckte, erniedrigte. Er wird gehen.

Übersetzung: Valentina Dudinov

6 Gedanken zu „Den Papa mäßigen

  1. Ricarco ich brauche Deinen Rat nicht. Meine Familie ist aus Kuba. Zur Orientierung, die Hälfte der vergangenen 20 jahre haben wir zusammen oder einzeln, mit arbeiten, in Kuba verbracht. Aber nicht im Touristenparadies Varadero, nein mitten in Havana in sehr bescheidenen Verhältnisen! Wir mussten immerwieder die Willkür der Behörden und ihren Revoluzions-Museumswächtern mit ihrem rasistischen Vorgehen gegenüber meiner Familie und ihren Angehörigen erleben. Sei es bei der Einreise/Ausreise am Zoll, mit den agresiven blauen Orienteimport-Polizisten auf der Strasse, oder sei es beim Bezug eines Hotel’s.
    In Kuba fühlen wir uns, wie Hunderttausende Kubaner, wie in einem Gefängnis. Der Unterschied ist nur, dass wir bis jetzt immer wieder entlassen wurden.

  2. Hugo, ich rate dir zwei Wochen mit einer Familie auf der „Gefängnis-Insel“ zu verbringen, dann zwei Wochen in Mexico und noch zwei in Haiti.
    Danach werden deine Kommentare sich etwas der Realität nähern.

  3. Hugo die höchste Inhaftierungsrate der Welt haben immer noch die USA.

    Es gibt und gab nie einen Zusammenhang zwischen hohen Haftraten und
    Kriminalität, „die Verdreifachung der Gefängnispopulation in den USA hat nichts mit der
    Kriminalitätssituation zu tun“, stellt der norwegische Kriminologe Nils Christie fest. Einzig die Politik
    stellt diesen Zusammenhang her und erzeugt damit eine „Situation der Masseninternierung“
    (Christie).

  4. Die Vollgefressenen Ratten verlassen das sinkende Schiff. So machten es viele festgefahrenen Ideologen, Menschenrechts-Verachter, Anspucker und Ernidriger auf dieser Gefängnis-Insel. Damit beweisen sie, dass sie kläglich gescheitert sind und früher oder später zu Rechenschaft gezogen würden.

Hinterlassen Sie uns ein Kommentar

Bitte logge dich mit einer dieser Methoden ein, um deinen Kommentar zu veröffentlichen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s