Terabytes

zettabyte

Auf meinem Balkon steht ein Yagruma-Baum, er hat Blätter in Form von Händen mit rundlichen Fingern, weiß auf der Unterseite, auf der Oberseite grün. Was mir am meisten an ihm gefällt, ist aber nicht so sehr seine ansprechende Form oder die erstaunliche Tatsache, dass er 50 Meter über dem Erdboden in einem Blumentopf herangewachsen ist, sondern vielmehr seine Anpassungsfähigkeit. Vor Jahren erkannte er, dass ihm die Betondecke keinen geraden Wuchs erlauben würde, und so neigte er sich nach außen und streckte im 14. Stockwerk seine Zweige über die Balkonmauer. Als dann die Katze ihre Krallen an ihm schärfte und den Stamm beschädigte, bildete die Pflanze um die Wunden zum Schutz eine dickere Rinde. Für jedes Problem fand sie eine Lösung, bei jedem Angriff ein Mittel sich zu wehren.

Unser Alltag ist voller Lektionen wie die von der ‘Yagruma im Blumentopf‘. In meiner Nachbarschaft beispielsweise haben sich Jugendliche zahlreiche WLAN-Netzwerke eingerichtet, um Programme, Spiele und Dateien auszutauschen. Ebenso wie die Pflanze auf dem Balkon wollen auch sie sich nicht den Einengungen beugen, die ihnen die Realität auferlegt, unter ihnen die absurden Beschränkungen eines freien Zugangs zum Internet. Also haben sie sich ihre eigenen Methoden geschaffen, um surfen zu können, und sei es in einem unzulänglichen und begrenzten Intranet. Auch ohne Informationskanäle, die nicht unter strenger staatlicher Aufsicht sind, entstehen gleichwohl Wege für den Austausch, Kauf und Verkauf von ausländischen TV-Programmen, Musik und Filmen. In einer Vielfältigkeit und Menge, dass einem schwindelig wird.

‘Wie viele Terabytes möchten Sie‘, fragte mich heute Morgen einer jener jungen Typen, die kaum zwanzig Jahre alt und schon im ‘Informationsgeschäft‘ tätig sind. Das löste in mir einen Kurzschluss im Gehirn aus, denn ich war zwar soweit gekommen, in Megabytes und später dann in Gigabytes zu rechnen, aber das ist einfach zu viel für mich. Er erläuterte mir daraufhin sein Warenangebot etwas näher: er hatte Datenpakete voll mit Serien- und Dokumentarfilmen, die historische Themen, Spionage, Wissenschaft und Technik bis hin zu vollständigen Biographien zum Inhalt hatten. Als er merkte, dass ich mich für Literatur interessiere, fügte er noch eine Auswahl mit Interviews mit den wichtigsten Autoren des ‘lateinamerikanischen Booms‘ hinzu. Am Schluss unterbreitete er mir noch die – wie er meinte – „gefragtesten Themen“ und zählte dabei Titel auf wie ‘Große Attentate der Geschichte‘, ‘Der Weg der Drogen‘, ‘Chirurgie ohne Maß und Ziel‘, ‘China: eine Kluft zwischen reich und arm‘ … Ich stand dort mit meinem USB-Stick in der Hand und wusste nicht, was ich nehmen sollte. Schließlich kaufte ich mehrere Gigabytes von diesem und jenem und rannte nach Hause mit dem gleichen Siegesgefühl wie jener Yagruma-Baum, der es trotz der durch die Decke bedingten Einengung geschafft hat, in die Unendlichkeit zu entkommen.

Übersetzung: Angelika Münch-Holzmeier

Ein Gedanke zu „Terabytes

  1. Kubas Jugend scheint viel eher an Fachthemen als an Ballerspielen interessiert zu sein. Wo es wegen der Zensur sonst wenig Informationen gibt hat so etwas auch einen höheren Stellenwert.

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