Und wieder Maria

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Alle Frauen meines Stammbaums tragen den Namen María. Ich auch, jedoch an zweiter Stelle, in einer dissonanten Mischung aus Moderne und Tradition. Ich trage dieses extravagante „Y“ und – welch ein Widerspruch – den am weitest verbreiteten Frauennamen. So gab es mein Leben lang überall Marías: eine brachte mich zur Welt, eine andere – mit grauem Haar und Raucherhusten – brachte mich das erste Mal zur Schule und ich spielte sogar mit einer Schwester, die auch so heißt, mit Puppen. Jahre später, in Zürich, öffnete mir eine von ihnen die Türen ihrer Buchhandlung, damit ich dort umgeben von Literatur und Zuneigung arbeiten konnte. Und nun ist mir eine neue María zu Hilfe gekommen, die ich bis jetzt noch nicht persönlich kennenlernen konnte.

Sie begann schon vor über vier Jahren, meine Texte ins Englische zu übersetzen. Zu Beginn versuchte María José, noch mit sehr geringen Spanischkenntnissen, meine täglichen Pinselstriche in ihre Muttersprache zu übertragen. Ihre ersten Fragen nach dem Lesen meiner Posts waren sehr sympathisch… Was ist eine „malanga“? Wie viel entspricht ein kovertibler Peso? Was ist eine „cola“? Denn diese Verkehrstechnikerin hat keinerlei Angst davor, Fragen zu stellen, noch erscheint es ihr in irgendeiner Weise lächerlich, das zu untersuchen, was sie nicht weiß. Und das war es, was mich an ihr vom ersten Moment an verzauberte: ihre Bescheidenheit. Wenn man mit der akademischen Welt zu tun hatte, wo jeder seine Kenntnisse hervorhebt, um gleichzeitig seine Lücken zu verbergen, ist es wie Balsam für die Seele, aufrichtige – und keineswegs eingebildete – Menschen zu finden.

So erschuf diese Frau, die schon über 50 Jahre alt ist, für die alternative Blogosphäre Kubas mit viel Herumschnüffeln und noch mehr Arbeit ein Netzwerk von Übersetzern, die uns unterstützen. Zu Beginn unterstützte sie mich bei meinem Blog und weitete ihre Energie später auf viele weitere virtuelle Plattformen aus, die sich mit den Problemen dieser Insel auseinandersetzen. Als Fernpatin dieser ruhelosen Patenkinder erzählt Mary Jo, wie sich ihr Leben gewandelt hat, seit sie sich auf dieses Abenteuer einließ. Und sie wird nicht müde. Sie sucht Übersetzer für die französische, ungarische, polnische oder japanische Fassung, sie versieht Interviews mit Untertiteln, hilft dabei, Bücher zu bewerben, besucht Universitäten in den USA, um über ihre Erfahrungen zu berichten, und hat trotz alledem noch Zeit, um sich ihrem Beruf zu widmen und sich um ihre Eltern und ihre Tochter zu kümmern. Wie glücklich ich mich doch schätzen kann! Eine geduldige und großzügige María ist wieder in mein Leben getreten, eine María, die auch ohne meinem Stammbaum anzugehören ein Teil meiner Familie ist.

Übersetzung: Falko Blümlein

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