Die tödliche Bekanntmachung

proclama

Sechs Jahre. So viel und so wenig ist inzwischen geschehen. Von den sieben Namen, die in jener „Bekanntmachung des Chefkommandanten an das Volk von Kuba“ erwähnt wurden, sind gerade mal drei noch unversehrt. Als wäre der Text nicht nur die Nachricht von Fidel Castros Erkrankung gewesen, sondern auch eine Art von Verwünschung, die über die erwähnten Personen ausgesprochen wurde. José Ramón Balaguer, den der Genesende zum Vorsitzenden des nationalen und internationalen Programms des öffentlichen Gesundheitswesens ausgerufen hat, sollte dieses Ministerium Mitte 2010 verlassen. Angesichts des Hunger- und Erfrierungstodes von Dutzenden von Patienten in der psychiatrischen Anstalt von Havanna wurde der bedingungslos loyale Beamte in einen anderen Aufgabenbereich versetzt, wohl um zu vermeiden, dass er vor einem Untersuchungsausschuss endete. Ein anderer der erwähnten Personen, Carlos Lage, verlor unter großem Getöse seine Position als Sekretär des Exekutivkomitees des Ministerrates. Da er schon von vielen Analysten als möglicher Nachfolger auf dem „kubanischen Thron“ gehandelt wurde, war sein Sturz ein harter Rückschlag für diejenigen, die auf eine reformistische Linie innerhalb der eigenen Regierung gesetzt hatten.

Und was soll man zu Felipe Pérez Roque sagen, dem in jener Ankündigung, die in der Nacht des 31. Juli 2006 mehrere Male verlesen worden war, die Leitung der Finanzen des Gesundheits-, Bildungs- und Energie-Programms zugesprochen wurde. Es waren nur zwanzig Monate vergangen, da bezichtigte man ihn bereits, machtbesessen geworden zu sein, abhängig vom „süßen Honig der Macht“. Der Zauberspruch der Bekanntmachung erreichte gerade den gegenteiligen Effekt: anstatt für den Aufstieg zu bürgen, sicherte er den Fall. Derselbe Finger, der auf jene Männer als getreue Fortsetzer seines Werkes gewiesen hatte, entlarvte diese später als Verräter. Die alte Maxime, dass die Nähe zur Macht ebenso vorteilhaft wie gefährlich ist, bewahrheitete sich beispielhaft innerhalb eines kurzen Zeitraumes. Ein anderer der Erwähnten, Francisco Soberón, Präsident der Zentralbank sollte auch ersetzt werden. Er nahm seinen Hut, um seine Memoiren zu schreiben, sagen einige, um eine öffentliche Abstrafung zu vermeiden, versichern andere.

Nur drei Namen der Männer, die in jenem warnenden Text erwähnt wurden, sind noch unangetastet. Einer von ihnen ist José Ramón Machado Ventura, der sogar zum zweiten Mann am Schalthebel der Macht geworden ist. Auch Esteban Lazo wurde nicht abgesetzt, denn er hat die Lektion gut gelernt, nie sein eigenes Licht zu stark leuchten zu lassen. Der Dritte der „Überlebenden“ ist Raúl Castro selbst. Der wichtigste Nutznießer der „Testamentsverkündigung“, der ehemalige Minister der bewaffneten Truppen, wurde zugleich von ihm mit dem größten Fluch belastet. Denn auf seine Rechnung gehen nicht nur seine eigenen Fehler, sondern auch die von seinem Bruder ererbten: die verzögerten Reformen, die Massenentlassungen, die ungezügelte Ausbreitung des Marabu-Gestrüpps an den Landstraßen, die Kürzungen im Warenkorb der Grundversorgung, das berühmte Glas Milch, das nie auf unseren Tischen erschien, und eine lange Liste von etc. Es würde mich nicht wundern, eines Tages von ihnen eine neue Bekanntmachung zu hören, in der der Generalpräsident seine Aufgaben an irgendjemanden überträgt, der denselben Familiennamen hat. Der nächste verfluchte Präsident unserer nationalen Geschichte.

Übersetzung: Iris Wißmüller

Ein Gedanke zu „Die tödliche Bekanntmachung

  1. Ich habe folgende Frage an Yoani: wenn eines Tages eine bunte Revolution in Kuba siegt, willst Du bestmmt den Posten des Informationsministers, oder zumidest der Direktorin des kubanischen Fernsehens übernehmen. Deine Landsleute werden frei und glücklich wie die heutigen Iraquis. Willst Du dann selbst auch glücklich?

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