Ist der Tisch gedeckt?

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Obwohl mich der Journalismus, aufgrund seiner Dynamik, seiner direkten Verbindung mit der Realität und Aktualität, bei weitem mehr in seinen Bann gezogen hat als die Philologie, lässt er mich bittere Pillen schlucken, die ich mir lieber erspart hätte. Eine davon ist, alle öffentlichen Nachrichten sehen zu müssen, aufpassen zu müssen, jede Regierungserklärung mitzubekommen, und zuzuhören, sobald die Mächtigen eine Ansprache halten. Manchmal denke ich mit Wehmut an mein früheres Leben zurück, als ich den Fernseher ausschaltete, die Lautstärke leiser stellte und nicht einmal die Gedenktage wahrnahm. Doch diese Zeit ist für mich vorbei. Zwar stoße ich immer noch auf Menschen, die nicht wissen, ob Montag oder Freitag ist, und die nicht einmal darüber im Bilde sind, ob die Nationalversammlung in diesem Jahr bereits getagt hat oder dies noch aussteht. Menschen, die in Gleichgültigkeit dahintreiben, im Desinteresse an dem, was vor sich geht, und ihre Apathie wird zum besten Nährboden für die politische Kontrolle.

So bemühte ich mich also am gestrigen Donnerstag, sehr früh, der Ansprache des ersten Vizepräsidenten des Staats- und Ministerrats zuzuhören. Schon seit Wochen kochten auf den Straßen die Gerüchte, dass an diesem 26. Juli die lang erwartete Migrations-Reform angekündigt werden würde. Aber schon als ich feststellte, dass der Redner des Tages José Ramón Machado Ventura sein würde, wusste ich, dass es keine Neuigkeiten und schon gar keine Nachrichten über substanzielle Änderungen geben würde. Stattdessen sagte der orthodoxe Politiker, dass „die Feinde der Revolution sowohl im Inland als auch im Ausland, (unter dem Schirm der Kritik an einer vermeintlichen Langsamkeit oder fehlenden Mutes bezüglich der beschlossenen Maßnahmen), ihre wahren Absichten verbergen, nämlich die Wiederherstellung des schändlichen Regimes, das in Kuba bis 1959 existierte.“

Wie auch immer, anscheinend sind für diesen Mann diejenigen, die die fehlende Tiefe und Schnelligkeit des raulistischen Wandels kritisieren, in Wirklichkeit verkappte Batista-Anhänger. Es scheint viele zu geben, denn von niemandem höre ich, dass er mit dem Tempo, in dem die Transformationen durchgeführt werden, zufrieden ist. Ich schätze, dass die internen „Feinde“ – laut dieser extremen Definition – sich auf rund 11 Millionen Menschen belaufen könnten. (*Anm. d. Ü.: Kuba hat rund 11,2 Mio. Einwohner) Aber als ich gerade schon fast den Bildschirm attackieren wollte, sagte Raul Castro „der Tisch sei gedeckt“, um mit den Vereinigten Staaten einen Dialog zu führen.

Ein defätistischer Satz, der von Nachgiebigkeit gegenüber dem Ausland zeugt … der eine Beleidigung für uns darstellt, die wir ein wirklich souveränes Kuba wollen. Wie kann eine Regierung bereit sein, mit einer ausländischen Regierung zu sprechen und sich aber die Ohren gegenüber der Kritik zuhalten, die aus den eigenen Hinterhöfen kommt? Wie ist es möglich, dass ein System, das sich als hartnäckiger Verfechter des „Anti-Imperialismus“ gibt, sich lieber mit dem Nachbarn aus dem Norden an den Tisch setzt, bevor es seinem eigenen Volk zuhört und mit ihm debattiert? Die Extreme berühren sich am Ende immer, und in diesem Disput, der seit 50 Jahren gegen die US-Regierungen geführt wird, war das Castro-Regime mehr auf das Weiße Haus angewiesen – und von ihm abhängig – , als von den nationalen Stimmen.

Jedenfalls, manchmal würde ich gerne noch einmal in jenen Jahren leben, in denen ich den Fernseher nicht einschaltete und weder den Ansprachen zuhörte noch öffentlichen Erklärungen. Zeiten, in denen ich weder wusste ob es der 26. Juli oder der 15. August war, noch lokale Politiker von unserer Nation reden hörte, als wäre sie eine Tischdecke, ein Teller oder ein Löffel.

Übersetzung: Nina Beyerlein

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