Die kubanische Intelligenzija: debattieren oder sich verbergen

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Was ist ein Akademiker? Was ist ein Intellektueller? Das sind einige der Fragen, die mich jahrelang gequält haben, sogar schon vor meinem Abschluss in hispanischer Philologie. Als ich noch voll in jugendlicher Aufsässigkeit steckte, glaubte ich einmal, es sei nötig, um der eine oder der andere zu sein, bestimmte Posen einzunehmen, Gesten, eine bestimmte Aussprache und sogar eine bestimmte Art, sich zu kleiden oder zu rauchen. Mit der Zeit verstand ich, dass Bildung nicht zwangsläufig in Begleitung von einem Spitzbärtchen daherkommt oder einem Blick von oben herab, einer Lesebrille vorne auf der Nase oder einer schief aufgesetzten Baskenmütze, die unseren Studenten so gut gefällt. Ich lernte Leute kennen, die gleichzeitig über Kenntnisse und Wagemut verfügten, über Weisheit und Spontaneität, über ein riesiges kulturelles Wissen und eine bewundernswerte Bescheidenheit im Auftreten. Viele von ihnen hatten nicht einmal einen Universitätsabschluss oder veröffentlichten kein einziges Buch. Ich bemerkte auch, dass die intellektuelle Welt Kubas sich häufig nicht auf der Basis von Weisheit strukturiert, sondern auf Grund von Opportunismus und ideologischer Linientreue. Beispiele dafür gibt es zur Genüge von Titeln „honoris causa“, die dem Militär als Preis überreicht wurden, anstatt mit ihnen berufliche Fähigkeiten zu ehren. Leider gibt es auch zu Hauf Ausgestoßene und Geschasste in Forschungszentren aus strikt politischen und nicht wissenschaftlichen Gründen.

Aber jenseits der äußeren Erscheinungsformen, als Zeichen einer weisen Bruderschaft oder jenseits der Loyalitätsbekundungen gegenüber der Regierung, die so viele unserer Berühmtheiten äußern, gibt es eine Charakteristik, die sich alarmierender weise in unserer nationalen Intelligenzija wiederholt: es handelt sich um die Unfähigkeit, eine Diskussion mit Leuten auszuhalten, die innerhalb der Insel nicht zu den von den Machthabern abgesegneten und erschaffenen Institutionen gehören; ihre Unfähigkeit, rechtzeitig die Herausforderung zur Diskussion mit Andersdenkenden anzunehmen. Ein kubanischer Akademiker reist von Havanna nach San Francisco und erträgt es, dass aus dem Publikum jeder beliebige Nordamerikaner ihm Fragen und Hinterfragungen stellt, die er in seinem eigenen Vaterland niemals zuließe, geschweige denn anhören würde. Er besteigt ein Flugzeug, nimmt teil an der LASA 2012 (Latin American Studies Association conference) und zeigt sich dazu bereit, an einer Sachverständigengruppe teilzunehmen, wo es liberale, demokratische und antitotalitäre Ansichten gibt, denen er hier niemals Raum geben würde. Der Gipfel ist, dass seine Wortmeldung außerhalb unserer Grenzen ganz klar um einige Grade gewagter und kritischer ist, als seine Rede vor seinen Studenten, Lesern oder Kollegen in Kuba. Wenn man ihn jedoch nach seiner Rückkehr auf das Territorium der Insel zu einem Meinungsaustausch von Seiten der Zivilgesellschaft beruft, der Opposition oder der alternativen Szene, dann tut er so, als habe er die Einladung nicht gehört oder beschimpft das Gegenüber. Er schwärzt an, er windet sich, er ruft den Vater Staat zur Verteidigung. All dies und noch mehr tut er, um nur ja nicht den Austausch von Argumenten und Positionen akzeptieren zu müssen, den unser Land so dringend bräuchte. Letztendlich versteckt er sich.

Ich habe nun also die Etappe überwunden, in der ich die Definition von einem weisen Mann in den Wörterbüchern und Handbüchern suchte. Ich werde hier nicht alle Punkte aufzählen, die mir helfen, mir ein ganz individuelles Bild von der Kultur jedes einzelnen zu machen, aber ich werde euch sagen, was die Charakteristik ist, die meine subjektive Liste anführt. Es handelt sich um die Fähigkeit zur Polemik und zur Kontroverse, die eine Person besitzt, ihre Bereitschaft, auch die Thesen des totalen Gegenspielers und völlig andersartige Kriterien anzuhören. Ich bewundere Menschen, die die Fähigkeit besitzen, mit einem ideologischen oder akademischen Gegner zu diskutieren, ohne eine arrogante Haltung einzunehmen oder in verbale Kraftausdrücke oder persönliche Beleidigung zu verfallen. Es stört mich nicht, dass manche Kleidung anziehen, die sie für typisch intellektuell halten, nicht einmal, dass sie sagen, sie stimmen ideologisch hundertprozentig mit der Regierung überein, die ihnen zufällig ihr Gehalt bezahlt. Was mich irritiert und enttäuscht, ist, wenn Leute, die angeblich die Avantgarde des Wortes und des Denkens der Nation sind, sich weigern, das Wort und ihre Ideen in einer Diskussion zu gebrauchen und sich ihres wissenschaftlichen Auftrages entziehen, die Wahrheit zu suchen, indem sie alle Variablen berücksichtigen.

Übersetzung: Iris Wißmüller

Ein Gedanke zu „Die kubanische Intelligenzija: debattieren oder sich verbergen

  1. 4,00 Euro für eine Stunde Internet in Kuba = Wucher
    3,50 Euro für eine Flasche Wasser am Frankfurter Flughafen = freie Marktwirtschaft

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