Der gute Intellektuelle

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Versunken in der Metapher vermeidet es der gute Intellektuelle, sich der Realität zu nähern, unter dem Vorwand, dass Universelles sein Werk bedeutsamer machen wird als lokale Themen. In irgendeiner symbolischen Passage seines Theaterskripts, im Gleichnis eines Verses oder in einer kaum sichtbaren, klitzekleinen Figur an der Leinwandecke versteckt er gerade so viel Kritik, dass er sich später damit brüsten kann, ‘niemals geschwiegen zu haben‘. Er kennt die Zensur, die Heuchelei und die Angst sehr gut, die seine Arbeit zerstören, aber er reagiert zornig auf jeden, der ihn daran erinnert. ‘Was willst du denn, soll ich vielleicht auf dem Bau arbeiten?‘ wirft er demjenigen an den Kopf, der ihn dafür kritisiert, zu viele Zugeständnisse zu machen. Er befasst sich lieber mit erotischen als politischen Inhalten, lieber mit der Vergangenheit als mit der Gegenwart, lieber mit den klassischen als den aktuellen Themen. Sein Name war einmal auf den Schwarzen und Grauen Listen, heute aber werden ihm Ehrungen zuteil und Medaillen verliehen. Er hat in seinem eigenen Haus einen Internetzugang und vor ein paar Jahren genoss er ein kostenloses Wochenende in einem Hotel in Varadero.

Der gute Intellektuelle steht Schlange vor dem Büro der Interessenvertretung der Vereinigten Staaten von Amerika, in der Hoffnung auf ein Visum, aber an diesem Tag trägt er Sonnenbrille und Hut, damit ihn keiner erkennt. Er hält Vorträge und macht Rundreisen durch die Universitäten des ‘Reiches‘, derweil er seine Sprache hier und da zu modulieren versucht, damit sie einerseits nicht veraltet, andererseits auch nicht zu liberal wirkt. Kommen ausländische Delegationen, hält er sich gern in der Nähe auf, nimmt einen Besucher mit nach Hause und appelliert ein wenig an dessen Gefühle, damit er ihm eine Einladung irgendwohin auf der Welt ausspricht, denn letztendlich ‘kann hier ja niemand leben‘. Im hintersten Zimmer hat er eine Satellitenschüssel gut versteckt, wenn er sich aber mit seinen Kollegen unterhält, gibt er vor, gestern Abend die nationale Nachrichtensendung oder letzten Dienstag den Runden Tisch gesehen zu haben. Ein Freund reicht ihm Kopien jener verbotenen Seiten weiter, die er von seinem eigenen Computer aus nie aufzurufen wagt.

Der gute Intellektuelle hält ganz still, während er auf einen Bescheid über seine Ausreisegenehmigung wartet, und wenn er zurückkehrt, wird er sich gut benehmen, damit sie ihm die nächste Reise gestatten. Er ist der Ansicht, dass jede Art von Aktivismus oder offenkundiger politischer Positionierung Aufgabe derjenigen Menschen ist, die nicht sein Talent zu schreiben oder zu malen besitzen. Er schaut auf diejenigen herab, die sich in Diskussionen über ‘Reformen‘‚ ‘Veränderungen‘ oder in anderen flüchtigen Nichtigkeiten verschleißen. Aber nach ein paar Gläsern fragt er sich, ob er diese künstlerischen Höhen wegen seines wahren Talentes erklommen hat oder weil diejenigen, die seine Konkurrenten sein könnten, massenhaft ins Exil gegangen sind. Er bewahrt in einer Schublade jenes von ihm komponierte Lied auf, in dem er sein Innerstes nach außen kehrte, jenes Gedicht, in dem er sich vollständig entblößte, oder jenen zu einem Schrei geformten Mund, den er einmal zeichnete. Denn ein ‘guter Intellektueller‘ verliert niemals die Fassung, lässt sich niemals für soziales Engagement anwerben, lässt sich niemals auf die Straße ziehen.

Übersetzung: Angelika Münch-Holzmeier

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