Begnadigung und Vergessen

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„Sei nicht naiv, du wirst mit deinem gepackten Koffer doch hier bleiben“, sagten mir Freunde gut gemeint von allen Seiten. Aber ein Häftling träumt immer davon, dass sich die Tür einmal öffnet, dass sein eigener Gefängniswärter die Schlüssel nimmt und die Gitter zurückschiebt. Anstelle aus einer Reform der Migrationspolitik bestand gestern der angekündigte Höhepunkt der Nationalversammlung nur aus der Begnadigung von 2.900 Häftlingen. Eine subtile Art und Weise uns mitzuteilen, dass echte Gefängniszellen leichter beseitigt werden können als bürokratische, dass eine Haftentlassung schneller unterschrieben wird als die Abschaffung der Ausreisegenehmigung. Ich weiß nicht, ob Raúl Castro die Enttäuschung ermessen kann, welche seine Worte gestern verursachten, welche Mutlosigkeit das Ausbleiben der Bekanntgabe hervorrief, die seine eigenen Sprecher angekündigt hatten.

Ich stellte mein Gepäck wieder in die Zimmerecke, warf meine Pläne für den Heiligen Abend über Bord und rief meine Mutter an, um ihr zu versichern, dass ich bleibe. Ich vermute, dass heute in vielen kubanischen Häusern gefeiert wird, weil die Angehörigen in Kürze aus irgendeiner dreckigen Haftanstalt entlassen werden. Ich weiß aber auch, dass sich an diesem 24. Dezember viele betrogen und wieder einmal hintergangen fühlen. Wie lange braucht eine Regierung, um die eingeschränkte Bewegungsfreiheit abzuschaffen, die sie selber über ihre Bürger verhängt hat? Kann es sein, dass in diesem Land das Wort „allmählich“ oder der Satz „wir arbeiten gerade daran, diese oder jene Maßnahme umzusetzen“ in Wahrheit zu Synonymen für „niemals“ geworden sind? Wie können sie weiterhin etwas rechtfertigen, was weder ethisch noch legal so aufrecht erhalten werden kann? Wann wird der Präsident diejenigen begnadigen, die die Strafe auferlegt bekamen, nicht ins eigene Land einreisen zu dürfen oder es nicht verlassen zu dürfen?

Aber ich will nicht, dass mich in diesen Tagen die Unnachgiebigkeit der Regierung traurig stimmt oder mir die Verbohrtheit unserer Regierung die Weihnachtsfeiertage verdirbt. Stattdessen werde ich um Mitternacht mein Glas leeren, meinen Sohn in den Arm nehmen und Zukunftspläne für das Jahr 2012 schmieden. Für einen kurzen Moment werde ich die Gitterstäbe vergessen; ich werde aus meinen Gedanken das Bild eines Generals verbannen, der Begnadigungen gewährt, der mit der Lebenszeit eines ganzen Volkes spielt und das als „Vorankommen mit kleinen Schritten“ bezeichnet, was einfach nur Angst ist.

Übersetzung: Angelika Münch-Holzmeier
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