Perfekt abgespulte Etikette

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Architektur, die einst als gewagt galt, ein Rasen, gemäht wie kaum ein anderer und gut bewachte Türen, um vor neugierigen Blicken zu schützen. In dem Konferenz- Palast von Havanna wurden bereits so viele Veranstaltungen ausgetragen, die von der Regierung organisiert wurden, dass es schwierig ist, seinen Namen nicht mit dem Begriff „offiziell“ zu versehen. Manchmal dient es auch als Parlamentssaal für die Nationalversammlung, die selbst keinen eigenen Tagungsort hat und sich weigert, das wunderschöne Halbrund im Kapitol von Havanna zu verwenden. Genau dort, in dem Allerheiligsten des Staates und der Regierung, wurde diese Woche ein Forum über alternative Medien und soziale Netzwerke ausgetragen, das von dem Ministerium für auswärtige Angelegenheiten organisiert wurde. Der ungleichmäßige Rasen in jedem Park wäre ein besseres Szenario gewesen, doch die Teilnehmer wären hier ungeladenen Passanten ausgesetzt… und das konnte man selbstverständlich nicht zulassen.

In einem Land, in dem sich sowohl die alternative Blogosphäre, als auch Twitter immer mehr verbreiten, fand eine Konferenz zum Web 2.0 statt, ohne eine einzige Stimme außerhalb der Institutionen einzuladen. Die Existenz des anderen zu ignorieren ist zumindest kindisch; exklusive Events zu veranstalten, um über soziale Netzwerke zu sprechen, zeugt dagegen von einer starken Angst vor der Andersartigkeit. Vielleicht bemerkte niemand unter den Teilnehmern – aus fünf Kontinenten – die ideologische Parteilichkeit des Forums. Womöglich haben sie tatsächlich geglaubt, dass sie auf das breite Spektrum von Meinungen treffen werden, das sich so stark in den Blogs und Webseiten über Kubanische Themen zeigt, die innerhalb und außerhalb der Insel betrieben werden. Doch was sie dort vorfanden, war ein schematisches Drehbuch, das das Internet als eine Waffe, einen Schützengraben und ein Schild analysiert. Die bereits ausgedienten Methoden der politischen Konfrontation und des Extremismus sind nun mit einem dünnen Mantel aus Kilobytes beschichtet.

Es reicht aus, die 14 Punkte zu lesen, die das Ergebnis der zweitägigen Sitzung darstellten, um zu dem Schluss zu kommen, dass die Teilnehmer nicht dort waren, um angehört zu werden, sondern um Richtlinien zu erhalten. Eine der Vereinbarungen hat mich ganz besonders überrascht wegen der autoritären Haltung, die sie offenbart: darin legen sie die tägliche Nutzung von Hashtags in Twitter fest. Als ob sie nicht wüssten, dass sie, indem sie dieses Mandat in schriftliche Form bringen, den Mangel an Spontaneität ihrer Kampagnen im Web offen zugeben. Organisatoren dieses Forums, glaubt mir: eine perfekt abgespulte Etikette, ein in Auftrag gegebener Artikel, eine erzwungene Stellungnahme haben weder etwas mit sozialen Netzwerken, noch mit alternativen Medien zu tun. Die Nähte der vertikalen Hierarchie machen sich bemerkbar. Die Leser bevorzugen die Spontaneität des Individuums, das auf der horizontalen Ebene mit anderen interagiert, und nicht etwa Vereinbarungen, die in einem offiziellen Saal eines offiziellen Palastes, in einer der offiziellsten Zonen dieser Stadt vereinbart wurden.

Übersetzung: Valentina Dudinov

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