Das Erlernen von Toleranz

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Vor einigen Jahren hatte ich den Tick, ein bestimmtes Füllwort zwischen den Sätzen einzuschieben. Ein wiederholtes „Verstehst du?“ schaffte es, selbst meine verständnisvollsten Freunde zu nerven. Ich sagte es in den unpassendsten Momenten, bis mir jemand eine Lektion erteilte, in dem er sagte: „Warum denkst du, dass ich dich nicht verstehe? Bist es nicht vielmehr du, die sich nicht begreifen kann?“ Die Sprache hat die Fähigkeit, uns zu entkleiden und uns der Außenwelt auszusetzen. Worte können offenbaren, was wir hinter der Fassade unserer guten Laune verstecken. Besonders die sozialen Netzwerke haben sich zu einem Laufsteg entwickelt, auf dem wir uns in Unterwäsche den forschenden Blicken der Leser, Freunde und der großen Schar von Kritikern aussetzen. Jede Silbe, die wir für dieses Meinungs-Konglomerat schreiben, verrät und entblößt uns.

Ich erinnere mich, als ich bei Twitter anfing, war meine Stimme eher unbeholfen und wenig vertraut mit der Vielfältigkeit, die dieser Raum birgt. Seit August 2008, als ich bei diesem Mikroblogging-Anbieter meinen Account eröffnete, hat jeder veröffentlichte Eintrag von 140 Zeichen mich zu einem toleranteren und taktvolleren Menschen gemacht. Daher die Überraschung, die die Antwort von Mariela Castro bei mir hervorgerufen hat, auf die Frage, die ich ihr in einem Tweet stellte: Wann können wir Kubaner die anderen Beschränkungen hinter uns lassen?

Der persönliche Angriff, mit dem sie mir antwortete, bestürzte mich. Ich hatte natürlich nicht eine zum Dialog ausgestreckte Hand erwartet, aber auch nicht eine solche Arroganz. Es ist wahr, dass ich noch vieles lernen muss, wie sie mir riet. Das werde ich auch tun und das werde ich sogar dann fortsetzen, wenn meine Augen die Zeilen in den Büchern nicht mehr unterscheiden können, und meine rheumatischen Finger nicht mehr auf einer Tastatur tippen können. Allerdings habe ich schon gelernt, dass es an Hochmut grenzt, einer Frage auszuweichen, indem man den anderen wegen seiner fehlenden Bildung angreift. Womit muss dann nach einer solchen Reaktion ein Bauer rechnen, der gerade einmal die sechste Klasse abgeschlossen hat, wenn er sich an die Direktorin des „Nationalen Zentrums für sexuelle Erziehung“ wendet?

Trotzdem glaube ich, dass ebenso wie meine dumme Angewohnheit jenes Füllwortes, auch die Gewohnheit von verbalen Attacken eines Tages geheilt werden kann. Die Stimme wird trainiert, man eignet sich Toleranz an, das Ohr weitet sich, um anderen zuzuhören. Twitter ist eine großartige Therapie, um das zu erreichen. Wenn Mariela weiterhin veröffentlicht, so nehme ich an, dass sie dann im Laufe der Zeit die Regeln des demokratischen Dialoges besser verstehen wird, auch ohne Hierarchien und ohne dass jemand versucht, anderen eine Lektion zu erteilen. Wenn diese Zeit gekommen ist, hoffe ich, mit ihr zu plaudern, einen Kaffee zu trinken, zusammen zu „lernen“ – warum auch nicht? – auf dem langen und schwierigen Weg, der noch vor uns liegt.

Übersetzung: Valentina Dudinov
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7 Gedanken zu „Das Erlernen von Toleranz

  1. Zum letzten Ricardos Kommentar im „Der Apartheid existiert weiterhin“:

    Auch Klasse, dass Raúl mehr Gemeinsamkeiten mit Wolfgang hat als mit Fidel. Das stimmt auch wieder, da sind wir uns mal wieder einig Ricardito😉

    Zur Yoanis provokativen Art: im Grunde stimmt das auch. Ich kann mi nicht vorstellen, dass eine Yoani Sánchez nicht wusste, dass Schiffverkehr für Kubaner Tabu ist. Um gehört zu werden, montiert sie gerne eine Show (montar un show). In Havanna ist diese Meinung über sie weit verbreitet. Und die Seguridad hat auch ihren Beitrag dazu geleistet. Denn … wer in Kuba (wie in jedem System!) nicht pariert, wird schnell als Provokateur und Exzentriker abgestempelt und diskreditiert. Anderseits, ich kenne nur wenige Kubaner, die diese Showgeilheit in sich nicht tragen. Das liegt ein bisschen an unserer schrillen, extrovertierten Mentalität.

  2. @Ad-ovo
    Die Audioqualität ist selbst für uns Kubaner eine Herausförderung. Aber ich habe das meiste verstanden: Yoani Sánchez fragt sie (immer die gleiche Frage, ob live oder bei Twitter), wie sieht es mit der Abschaffung anderer Stigmatisierungen in der Gesellschaft (salir de los armarios – sich äußern, sich outen dürfen, die Schublade verlassen dürfen, die Maske ablegen können) aus? Mariela Castro antwortet, das ist nicht ihre Aufgabe, ihr Gebiet ist die Sexualität. Punkt. Es ist immer das gleiche Spiel. Diese berechtigte Frage wird ihr, als Tochter von Raúl Castro, immer gestellt und sie antwortet konsequent: nicht meine Baustelle. Zoé Valdés schreibt in ihrem Blog von einem Duell zweier Prinzessinnen (Yoani als Prinzessin der Opposition und Mariela als Prinzessin der Regierungstreuen). Ich finde diese von Zoé Valdés inszenierte Feindschaft beider Frauen übertrieben. Yoani Sánchez stellt eine berechtigte Frage und sie bekommt die Antwort, die sie von einer Castro erwarten darf. Mehr ist das nicht.

  3. Gerne würde ich mir selbst ein Bild machen über den „persönlichen Angriff“, die „Arroganz“ oder das Unverständnis der Frau Mariela Castro über die „Regeln eines demokratischen Dialoges“ in dem Antwort-Tweet an Yoani. Leider bleibt mir dies wieder vorenthalten.
    Geliefert wird eine Interpretation.

    (Das erinnert mich irgendwie an eine Dose Fertigsuppe.)

    Vielleicht bringt ja dieser Link etwas Licht in (mein) Dunkel: http://www.youtube.com/watch?v=jxNGB9PLnF8&feature=related . Vielleicht kann mir einer der Muttersprachler unter euch helfen mit der Übersetzung von Mariela Castros Antwort? Mein Spanisch hält sich leider sehr in Grenzen.

    Danke (schonmal im Voraus)

  4. Mariela Castro ist eben die Tochter von Raúl Castro. Sie kann sich auf dem Kopf stellen, bleibt trotzdem eine Castro. So ist es eben, mit Familiengeschichten. In Kuba, in Deutschland, überall.

  5. WEnn man den spanischen Blog liest stellt man fest, dass die deutsche Übersetzung nicht hundertprozentig die Bedeutung
    des Konflikts zwischen Mariela und Yoanni wiedergibt. Wörtlich übersetzt bedeutet die Frage die Yoanni Mariela stell: Cuando los cubanos podremos salir de los otros armarios? Wann können wir Kubaner die anderen Schränke verlassen – und nicht, wann können wir Kubaner die anderen Beschränkungen hinter uns lassen.
    Die Schränke verlassen, ist im Spanischen synonym für ein schwules coming out. Wie man weiß ist Mariela ist Mariela Castro Aktivistin für die rechte Homossexueller und Direktorin des Zentrums für sexuelle Aufklärung, sie arbeitet hart und ist sehr engagiert.
    Es ist schon etwas anmaßend Mariela für alles Verantwortlich zu machen was sich nicht bewegt im Land.

    (Sonst nichts gegen die Übersetzung. Astreine Arbeit liebe Übersetzer/innen. Vielleicht ist manchmal besser gewisse Bedeutungen wortwörtlich zu übernehmen und mit Randbemerkungen auf die übertragene Bedeutung Aufmerksam zu machen)

  6. Aus gutem Grund würde ich mir die Arbeit von Mariela Castro Espín loben, und das tue ich auch. Die Tochter von Raúl Castro und Vilma Espín hat eine Sache angepackt, die in einem machistichen Land wie Kuba eine riesige Portion Mut abverlangt. Zweifelsohne. Allein das Thema auf Parteiebene anzusprechen ist schon eine Leistung! Man soll nicht vergessen, dass in Kuba der 70gern, 80gern und sogar 90gern Schwul sein ein Grund für den Ausschluss aus der Partei, aus der UJC (Kommunistische Jugend Kubas) und aus der Uni (!) gewesen war. Viele, denen nachgewissen werden konnte, dass sie schwul waren, verloren die anspruchsvollen Posten auf Arbeit und mussten einfache Tätigkeiten, irgendwo, für den Rest des Lebens ausüben. Aber nicht Mariela Castro, sondern das liebe Geld, und zwar in der Gestalt von Dollars, hat das Schwulsein auf Kuba „salonfähig“ gemacht.

    Schwule waren und sind oft erfolgreich als Friseure, Künstler und Geschäftsleute; sie pflegen gute Beziehungen zum Ausland, haben Freunde dort, die sie besuchen kommen und ins Ausland einladen. Sie haben Geld, modische Kleidung und reiche Freunde. Was will man mehr in so einem Land?

    Natürlich kann man diese soziale Überlegenheit der Schwulen in Kuba nicht verallgemeinern, aber bei vielen trifft die Formel „Schwul ist gleich reich und schick“ bestens zu. Dieser Imagewechsel der Schwulen (die nun keine „maricones“ mehr sind sondern einfach „gay“ wie überall im Westen) begann in Zeiten des Período Especial, Anfang der 90gern. Ich habe mich sehr darüber gewundert, als ich 1993 das erste Mal nach einer langen Zeit wieder auf Kuba war. Selbst in der Provinz herrschte eine mit Geld erkaufte, aber durchaus angenehme Toleranz. Zwei Häuser weiter vom Haus meiner Eltern lebte ein Männerpärchen in einer schicken Wohnung zusammen, und sie wurden von den Machos geachtet und sogar sehr gemocht. Der Grund: der dickere war Starfriseur und Fotograf in der Stadt und der dünnere, der Mulatte, war oft im Ausland als Musiker unterwegs. Jedes Mal wenn der dünnere aus einer Auslandstour zurück kam, gab es im Viertel Party, Büchsenbier auf seine Kosten, und Geschenke für meinungsbildende Bürger gab es auch …

    Ein Schulkamerade von mir, der in der Schule immer als Schwuchtel böse schikaniert wurde und aus der Uni flog, weil der Verdacht (!), dass er in der Tat Schwul war, unüberhörbar wurde, genoss auf ein Mal die beste Reputation in der Stadt. Alle waren plötzlich seine Freunde, die alten Schulgeschichten waren vergessen und aus den Tätern wurden Kumpels. Ich musste sehr staunen, als ich meine Schulkameraden von damals nach fünf-sechs Jahren wieder traf. Die Machos waren wie ausgewechselt. Mir wurde erzählt, Luis Enrique war mit einem Franzosen zusammen (wie hübsch ausgedruckt!), der vermutlich Millionär war … Eine ganze Klinik soll der Typ in Paris gehabt haben! Mein Schulkamerade wartete damals auf seine Ausreise und genoss zwischendurch das süße Leben auf Kuba, und dabei ließ er seinen neuen Freunden vom Reichtum des Franzosen teilhaben … Solche Geschichten kennt jeder auf Kuba. Schwule haben sich die Toleranz mit Erfolg, und vor allem mit Geld bei den einfachen Menschen teuer erkauft – sie haben ganze Arbeit auf der Basis der Gesellschaft geleistet! Trotzdem gut, dass Mariela Castro auf der politischen Ebene für Gleichstellung der Schwulen und Lesben etwas tut. Wer weißt, vielleicht hat sie vor, auch die ideologische Gleichstellung in Kuba zu forcieren. Es wäre dann ein rundes Engagement für die Vielfalt des Lebens in Kuba! Hoffentlich kommt für die Chance, etwas in dieser Richtung zu bewegen, für sie nicht zu spät.

  7. „Ein Schwul zieht mit seinem Freund in Hotel Nacional ein und sie bestellen dort für 10 Euro zwei Drinks“

    In den strengen Fidel-Jahren wäre eine solche Eskapade nicht nur undenkbar, sondern auch mit Gefängnis bestraft. Homosexualität und Devisenbesitz waren Straftaten, bessere Hotels ab Anfang 90′ Jahre für Kubaner gesperrt.

    Man sieht, wie gewaltig sich Kuba geändert hat: auch private Auslandsreisen, Video und PC-Einfuhr, Handyanschluss und private Kleingewerbe standen damals auf der Verbotsliste.

    Kuba ändert sich dank der Arbeit der Menschen, wie Mariela Castro.
    Gracias, Mariela.

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