ETESCA: von der Überwachung zum Datenmissbrauch

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„Was meinst du, wie viele Telefone von der politischen Polizei abgehört werden?“, fragte mich der Mann, der einmal für den Geheimdienst gearbeitet hat und jetzt zu den vielen gehört, die abgeschoben wurden. Ich schätzte eine dreistellige Zahl, eine niedrige Hunderterziffer, was ein schallendes Gelächter auf seinem von Falten gezeichneten Gesicht auslöste. „Bis Mitte der 90er waren etwa 21 Tausend Leitungen angezapft und in diesem Augenblick müsste es wegen der Zunahme der Handys das Doppelte sein“. Diese Zahl bestätigte mir ein anderer Mann, dessen Arbeit einst darin bestand, in den Gesprächen von anderen Leuten herum zu schnüffeln und Mikrofone in Häusern von Dissidenten, Beamten und sogar von unbequemen Künstlern zu installieren. An dem Tag, an dem ich ihn diese enorme Ziffer sagen hörte, spürte ich das Auge von Big Brother auf jedem Baum, in jeder Ecke meines Hauses, und stellte mir das indiskrete Ohr auf dem Display und der Tastatur des Gerätes in meiner Tasche vor.

ETESCA, das einzige Telefonunternehmen des Landes, nutzt seinen Status als Staatsmonopol für Kommunikation, um dem Innenministerium Abhördienste anzubieten. Das sind keine Wahnvorstellungen meines fiebrigen Geistes. Ich habe den Test gemacht, indem ich mein Handy zerlegte, sogar den Akku heraus nahm und die Stadt verließ; die Nervosität der „Schatten“, die mein Haus bewachten, ließ nicht lange auf sich warten. Wenn ich jemandem eine SMS schicke, in der ich sage, dass ich in Kürze an dem und dem Ort sein werde, treffe ich bei der Ankunft auf die ruhelosen Jungs, die mich überall hin verfolgen. Ich gebe zu, dass ich manchmal aus Spaß mehrere Freunde über mein Handy zur Teilnahme an irgendeiner Vorstellung eines offiziell gut geheißenen Buches oder einer, von einer Institution organisierten, Veranstaltung einlade. Die daraus resultierende Geschäftigkeit wäre fast schon komisch, wären da nicht die übermäßigen Mittel, die vom Staat für solche Dinge aufgewendet werden, anstatt sie zum Wohlergehen des Volkes zu verwenden.

Der Bewachte kann sich jedoch auch in einen Bewacher verwandeln. Die Mitarbeiter von ETESCA filterten über alternative Netzwerke eine Datenbank mit vielen Details über die Telefonnummern des Landes heraus. Ohne Zweifel ist das eine Verletzung der Diskretion, die ein Unternehmen über die Informationen ihrer Kunden bewahren sollte. Dieses hat jedoch dazu beigetragen, dass man die Telefonnummern der Leute herausfinden kann, die uns beobachten und uns anschwärzen. Journalisten der offiziellen Zeitung Granma, Mitglieder des Zentralkomitees, bis hin zu hochrangigen Beamten der politischen Polizei sind dort mit Ausweisnummer und sogar Privatadresse registriert. Abkürzungen offenbaren, ob das Telefon von einer staatlichen Stelle oder privat bezahlt wird, was zur Aufdeckung von offiziellen Verbindungen von denjenigen führt, die sich als unabhängig bezeichnen. Jedenfalls hat die detaillierte Bestandsaufnahme, die sie über jeden Bürger durchgeführt haben, uns dazu gedient, von „ihnen“ zu wissen und zu erfahren, dass diejenigen, die uns auf der anderen Seite der Leitung belauschen, auch einen Namen und nicht nur ein Pseudonym haben. Jetzt könnte jeder sie anrufen, ihnen eine Nachricht schicken, zum Beispiel eine kurze und direkte SMS, die besagt „Es reicht!“.

Übersetzung: Valentina Dudinov
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8 Gedanken zu „ETESCA: von der Überwachung zum Datenmissbrauch

  1. Wenn man sich vorstelt, dass wie im Artikel beschrieben ca. 40.000 Telefone in Kuba überwacht werden, denke ich, ist das ein guter Wert für einen Staat in dem man heute leben kann. In Kuba gibt es ca. 1 Millionen Haustelefone und die Zahl der Handy´s hat vor geringer Zeit auch die Millionengrenze überschritten. Nur mal so, in Deutschland wird „jedes´´ Gespräch, jede IP Adresse, jeder Datenfluss etc. für bis zu 6 Monate gespeichert, in manchen Europäischen Ländern sogar länger. Wer weiss schon in wie weit Daten von uns ausgewertet werden, denkt man nur an den Bundestrojaner. Na klar wird es immer Länder geben mit deren Regeln und Vorstellungen des Täglichen Leben, der Individualist nicht klar kommt, dennoch denke ich, dass man ein durchaus gutes Dasein auf Kuba fristen kann. Wenn eines Tages, auf Kuba mal Generationswechsel vollzogen worden sind, werden sich wahrscheinlich so einige, wie auch in Deutschland am Beispiel der DDR, an so manche Sachen bzw. Lebensabläufe zurück sehnen. Navität, ist das richtige Wort welches Ricarco gebrauchte, es gibt in jedem Land Politgegener sei es in Kuba oder in Deutschland oder anderswo….todas paizes tienen sus problemas

  2. Ernesto, man kann Dir nicht wirkich böse sein. Deine Naivität entwaffnet.

    Du verlangst, dass ich auf Pseudonym verzichte – möchtest Du, dass ich den Job verliere?
    Oder meinst Du, dass man in der BRD allein wegen politischer Ansichten nicht gefeuert sein kann? In welcher Welt lebst Du?
    Schau mal, diese hübsche Freu wurde gerade gefeuert, weil sie laut gesagt hat, was sie denkt:
    http://www.stern.de/lifestyle/leute/vanessa-hessler-und-der-gaddafi-clan-telefonica-trennt-sich-von-alice-1745663.html

  3. @Ricardo
    Für mich, als Kubaner ist eine große Ehre, als Staatsbürger der BRD um die Welt reisen zu dürfen. Mit meiner Bildung und meinem Fleiß leiste ich einen kleinen Beitrag zum Erhaltung des Wohlstandes und sozialen Friedens dieses Landes. Dazu gehören zu dürfen, ist für mich schon ein schönes Märchen, um bei deiner Wortwahl zu bleiben …
    Was die Immigrationspolitik der USA betrifft, da gebe ich dir vollkommen Recht, aber das ist nicht mein Thema. Ich mag dieses Land nicht besonders, war noch nie da und habe auch nicht vor, dahin zu fliegen. Ein Grund dafür ist die Einreisepolitik der Amerikaner. Ich finde sie genauso widerlich wie die kubanische. Ich hasse jede Art Totalitarismus.

  4. @Ernesto

    Schöne Märchen schreibst Du: „Bürger einer Demokratie“, „einer freien Welt zu leben“.

    Es stimmt, was du über Inmigracion schreibst. Kuba ist nicht besser als die USA. Über die Einreise in die USA wird am Ankunftsflughafen entschieden und die meisten Zivilmaschinen fliegen auch zurück. Die Anzahl der Ablehungen (der Einreise) wird nicht veröffentlicht, darf aber mit der IT-Entwicklung (Data Mining, wenn es dich interessiert) steigen. Mainstreammedien haben Angst davon zu berichten und die Betroffen meist schweigen, weil sie Geschäfte, Jobs oder Familien haben. Cuba no esta sola.

  5. @Ricardo
    Im Unterschied zu mir (ich bin immer noch kub. Staatsbürger und kann nach Kuba, wo meine Eltern leben, nur mit einem gültigen kubanischen Pass einreisen) könntest du, rein theoretisch gesehen, uns allen deinen richtigen Namen uns veraten. Als Bürger einer Demokratie hast du es nicht nötig, dich hinter einen Nick zu verstecken, um deine kritische Haltung zur westlichen Welt äußern zu können. Ich schon. Wenn ich hier unter meinem richtigen Namen schreiben würde, kann nicht mehr nach Kuba, ohne Angst ein nettes Gespräch mit der Seguridad zu führen, reisen. Höchstwahrscheinlich schicken sie mich mit der gleichen Maschine zurück nach Deutschland. Und das ist kein rethorischer Trick von mir, sondern eine Realität. Einigen ist es schon so ergangen. Und dabei finde ich, dass ich kein militantischer Feind der kubansichen Regierung bin, und pflege Null Kontakt zu Miami und der kubanischen Opposition.

    Darum gehöre ich zu den Millionen von Bürger der Nato-Länder, die doch in einer freien Welt zu leben glauben.

  6. Manche Linke behaupten, Kuba wäre bezüglich Bürgerrechte etwas „besseres“. Dieser Beitrag hat aber klar gezeigt, dass CUBA NO ESTA SOLA, dass Telefone politisch Unbequemen werden nicht nur vom Homeland Security oder Verfassungschutz abgehört oder „bundestroianisiert“. ETECSA ist nicht sauberer als die Telecoms aller Welt.

    Ich frage mich nur, wie es dazu gekommen ist, dass bei der Millionen der Bürger der NATO-Ländern sich eine Überzeugung entwickelt hat, in einer „freien Welt“ zu leben?

  7. @Ernesto und/oder Ricardo:
    Wie schaut’s aus, mögt ihr uns nicht den übersprungenen Beitrag ins Deutsche übersetzen? Mich würde interessieren, was der schweigende Ex-Minister zu sagen hat.

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