Kein Vertrauen ins Fernsehen

laura-400x329 Foto: Laura Pollán, die Anführerin der Damen in Weiß*

Ich beklage mich oft über diesen selbstgefälligen kleinen Dicken in allen kubanischen Haushalten, und zwar den Fernseher, und dessen maßlosen Einfluss auf unser Leben. Diese Woche zum Beispiel war das Abendprogramm übersättigt mit politischen Nachrichten, die wir später in den Schulen, am Arbeitsplatz, durchs Radio in den Büros wieder hören… als Endlosschleife ideologischer Propaganda. Aber mitten in dieser Überdosis an Slogans, die aus den Lautsprechern tönen, kann man auch Menschen antreffen, die seit Monaten keine nationalen TV-Nachrichten mehr gesehen haben und auch nicht mehr wissen, wann sie das letzte Mal die nationale Zeitung ‘Granma‘ durchgeblättert haben. Es sind Menschen, die ein Parallel-Leben zu jenem führen, welches auf den öffentlichen Bildschirmen gezeigt wird, Menschen, die sich aus eigenem Antrieb gegen die Exzesse staatlicher Bevormundung geimpft haben.

Mir verschafft das wachsende Misstrauen Erleichterung, mit dem so viele Landsleute den Nachrichten oder Stellungnahmen begegnen, die in den staatlichen Kanälen ausgestrahlt werden. Es geht nicht mehr nur darum, die aufgeblähten Zahlen aus der Agrarproduktion richtig einzuschätzen, sondern dass sich dieses Misstrauen auch auf Berichte über die Außenpolitik, die körperliche Verfassung einer Persönlichkeit des öffentlichen Lebens oder einen ganz simplen Sportbericht erstreckt. Täglich zweifeln immer mehr Kubaner an dem, was ihnen erzählt wird, fangen an, zwischen den Zeilen zu lesen und die Informationen der nationalen Medien gegenteilig zu interpretieren. Die Ungläubigkeit ist an dem Punkt angelangt, an dem eine Beleidigung als Lob ausgelegt wird und umgekehrt. Diejenigen, die in parteitreuen Publikationen verteufelt worden waren, werden – wenngleich hinter vorgehaltener Hand – bewundert, und sogar Leute, die vom Staatsapparat abgesetzt worden sind, bekommen eine gewisse anziehende Aura.

Da ich dieses eigenartige Phänomen der Umdeutung kenne, bin ich von der großen Menge an Personen, die mich angerufen haben, um etwas über den Gesundheitszustand von Laura Pollán zu erfahren, nicht überrascht. Die hohe Anzahl an Freunden und Neugierigen, die zum Hospital Calixto García gekommen sind, in das sie wegen akuter Atemprobleme eingeliefert worden ist, macht Mut. Wenn man all die Beleidigungen, Beschimpfungen und Lügen bedenkt, die über diese Frau im öffentlichen Fernsehen verbreitet worden sind, so ist die Reaktion so vieler Kubaner, die sich mit ihr solidarisch erklären, recht aufschlussreich. Dutzende von SMS, die die Arztberichte über die Anführerin der ‘Damen in Weiß‘* übermitteln, die Gebete in Kapellen quer durch ganz Kuba und der Mut so vieler anderer friedlichen Aktivisten ist das beste Mittel, diesem Schreihals, der in unseren Wohnzimmern Tiraden loslässt, an die keiner mehr glaubt, den Mund zu stopfen.

Anm. d. Ü.
*Die Damen in Weiß (Kennzeichen: weiße Kleidung und eine Gladiole in der Hand) kämpfen seit Jahren mittels friedlicher Umzüge für die Freilassung ihrer Männer, die als politische Gefangene in Kubas Gefängnissen sitzen.
Übersetzung: Angelika Münch-Holzmeier

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