Das Genie Jobs und mein erster Frankenstein

jobless

Damit jenes Gewirr aus Kabeln und Stromkreisen zum Laufen gebracht wurde und sich in meinen ersten Computer verwandeln konnte, fehlte mir nur noch der kleine Ansauger, der Luft auf den glänzenden Mikroprozessor blies. Doch wie sollte ich ihn damals in dem Havanna von 1994 finden, das tief im Elend der Sonderperiode steckte. Ohne diesen kleinen Apparat aus Propellerflügeln und Gebrumm erwärmte sich der Frankenstein, dessen Zusammenbau mich ein halbes Jahr Arbeit gekostet hatte, zu schnell und schaltete sich schlagartig wieder ab. In jenen Tagen dachte ich dauernd an Steve Jobs und an die Garage seiner Adoptiveltern, in der er den Appel Computer schuf. Sein inspirierendes Genie hatte mich begreifen lassen, dass die Erfindung einer Sache wesentlich mehr Spaß bringt, als der schweigende Gebrauch eines Dings, das von anderen bereits erfunden worden ist. Wenige Tage danach gestattete mir die Kombination aus einem normalen Ventilator und einem Alu-Kühlaggregat, in WordPerfect 5.1 zu schreiben und ein Uni-Nachrichtenblatt, das „Buchstabe für Buchstabe“ hieß, zu verfassen. Hunderte Kilometer entfernt von meiner improvisierten Schreibwerkstatt war soeben die Verteilung von NeXT-Hardware eingestellt worden und es sollte noch einige Monate dauern, bis der Pixar-Film „Toy-Story“ herauskam.

Seit damals begleitete mich der Gedanke an Jobs bei allen informatischen Unternehmungen, zu denen mich Neugier und Notwendigkeit antrieben. In meiner Umgebung gab es viele, die wie der unruhige Steve waren. Junge erfinderische Leute, die weder den Platz zur Gründung einer Firma hatten – und sei es auch nur eine Garage – noch die legale Möglichkeit dazu, wanderten aus und nahmen ihr Talent und ihre Ideen mit sich fort. Trotz der massiven Auswanderungswelle blieben wir und mehrere Freunde hier und verehrten diesen Guru im schwarzen Rollkragenpulli und den abgewetzten Jeans. Wir sehnten uns danach, ein wenig wie er zu sein: erleuchtet, schlau und mit Durchblick. Jedes Mal wenn uns die Kleinkariertheit der technologischen Zensur traf, stellten wir uns jenen adoptierten Jungen vor, der zu einer globalen Führungsgröße wurde, die Launen seines Genies und die weißen Kopfhörer, die seine Ohren bedeckten. Wahrscheinlich wusste er nicht, dass wir Kubaner noch mehr als ein Jahrzehnt brauchen würden, bis wir legal einen Computer in einem Geschäft kaufen konnten.

Gestern ist er, der als Schüler nie seinen Abschluss an der Universität Reed Collage von Portland (Ohio) gemacht hatte, im Alter von 56 Jahren gestorben. Er hinterließ uns einen angebissenen Apfel auf unendlich vielen technischen Geräten und die Überlegung, wie viele er noch hätte erschaffen können, wenn ihn der Pankreaskrebs nicht hinweggerafft hätte. Uns, die wir nie mit ihm ein Wort gewechselt haben, noch seine Predigten als CEO ertragen mussten, bleibt der Mythos, die geglättete Legende seiner Genialität. Es tröstet mich die Annahme, dass mein lächerlicher Frankenstein, vor 18 Jahren zusammengebaut, sich noch mehr erhitzt hätte ohne diesen frischen und inspirierenden Wind, den Steve Jobs über uns alle blies.

Übersetzung: Iris Wißmüller
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10 Gedanken zu „Das Genie Jobs und mein erster Frankenstein

  1. @Ricardo
    Die Palestinos ist typisches Havannaproblem. Außerhalb Havannas existiert diese Problematik nicht mehr. Man kennt ja den Begriff, man macht chistes (Scherze) darüber, mehr aber nicht. Kein Wunder, die Orientales wollen nach Havanna, nicht etwa nach Ciego de Ávila, Jatibonico oder Cabaiguán. Aber die Theorie, dass die Orientales unsere eigene „Ausländer“ (im deutschen Sinne des Wortes, nicht als „extranjeros“) hat was. So habe ich das nicht gesehen. Vielleicht sind sie aber eher unsere Ossis, oder noch besser: unsere Sachsen. Fakt ist, eine Diskriminierung ist da, und jede Menge Vorurteile auch! Obwohl Kubaner gerade aus Santiago Großes immer noch erwarten. Dort hat es immer angefangen …

  2. @sabbi
    In Kuba führen die Existenz Sorgen auch zur hässlichen Erscheinungen, obschon noch nicht so extrem wie in Ostdeutschland.

    Dortige „Ausländer“ sind die Menschen aus Osten Kubas, die in der suche nach besserem Leben nach Havanna ziehen. Sie werden „palestinos“ gennannt, nicht geschlagen aber diskriminiert und ungerne gesehen. In diesem Jahr haben die Kubaner das Recht auf Arbeit verloren, und das Gerede gegen „los palestinos“ nimmt zu. Meine Prognose: wenn sich die soziale Unsicherheit weiter zuspitzt werden Banden entstehen, die die Palestinos töten.

  3. Das hat mit Faschismus wenig zu tun! Vor der Wende brauchte sich keiner über seine Existenz Sorgen machen. Plötzlich war die Zukunft eines jeden ungewiss, und irgendwelche mit zu kleinem Hirn suchten die Schuld bei den Ausländern! Der ganze Frust kam mit einem mal hoch. Fast alle wollten den Kapitalismus un
    d als er dann da war stellte mancher fest, es ist doch nicht alles Gold was glänzt! Und wenn man sich um sein Leben selbst kümmern muß, und irgendwas nicht so klappt wie es sollte, dann sucht man sich einen Sündenbock der zwar keine Ahnung hat warum ihn der Hass trift, aber solche Leute fühlen sich dann gleich besser!
    Aber daran hat der Staat, damals wie heute, eine nicht zu unterschätzende Mitschuld.

  4. Die DDR als die Wiege des Faschismums… eine Interessante Theorie.

    Der nächste Schritt: Castro-Cuba als Wiege der Drogenkriminalität. Sicherlich gibt’s schon in jedem Viertel in Bogota ein geheimes CDR!

  5. @Ricardo
    Ja, wir können es erstmal als Logro (Erfolg) des Sozialismus in Kuba verbuchen. Die Frage ist, ob es sich um eine Errungenschaft mit Nachhaltigkeit handelt? Diktaturen halten Menschen im Schach, doch kaum sind sie vorbei, kommt alles hoch, was sie nur unterdruckt haben. Und wenn die Schlamassel da ist, wenn der ganze Dreck zum Vorschein tritt, dann sagen die ewig gestrigen: siehe da, das habt ihr davon! Dabei vergessen sie, dass das Übel eine Vorgeschichte hat, und zwar eine, die in einer langjährigen Diktatur begonnen hat. Selbst in Deutschland war es nicht anders. Die ersten Neonazis waren schon kurz nach der Wende da, in Hoyerswerda. Die braune Brühe, die überall in Ostdeutschland serviert bekommen kannst, wurde zweifelsohne in den sozialistischen Großküchen der DDR vorgekocht.

  6. Meinst du nicht, Ernesto, dass schon die erhebliche Reduzierung der Gewalt- und Drogenkriminalität ein „logro“, ein Erfolg ist?

    Leider sind die Führer zu feige, den Kleinkriminellen die Nasen abzuschneiden, aber dass es keine Strassenschiessereien gibt, gehört schon zur lateinischen Lebensqualität.

  7. @Ricardo
    Ich weiß wie du das meinst …

    Kriminalität als Massenkrankheit kann viele Ursachen haben. Das, was in Mexiko oder Kolumbien zur Etablierung der Gewalt als Normalität geführt hat, trifft auf Kuba nicht zu. Die escuelas al campo dienten als Nährungsboden für Kleinkriminäle nur in Kuba. Woanders gab es dieses Phänomen nicht, aber dafür andere, die ich nicht urteilen mag.

    Dass die Kriminalität in Mexiko eine andere Dimension hat, weiß ich selbst. Dass Kuba im Vergleich zu Venezuela, und überhaupt im lateinamerikanischen Kontext, ein ruhiges „sicheres Ländchen“ ist, ist mir auch klar. Kriminalität ist in Kuba eher Kinderkram, wie alles auf dieser Insel …

  8. Böse Ricardo! Um die Doppelwährung abzuschaffen, muss man nicht unbedingt Steve Jobs heißen. Ein Raúl Castro Ruz würde es auch packen, ganz allein.

    Was die Beseitigung der Dieben betrifft, habe ich für dich eine gute Nachricht: Die „escuelas al campo“ (Schulinternate auf dem Lande) sind abgeschafft worden. Auf diesem Parkett haben alle Kriminellen Kubas das Handwerk gelernt. Dort sollten wir zum neuen, besseren Mensch erzogen werden, und siehe da, was aus uns geworden ist. Das Experiment ging mächtig ins Auge!

    Ich habe 6 Jahre meines Lebens in so einem Schulgefängnis verbracht. Das war mit Abstand die schlimmste Zeit meines Lebens. Sie war so grausam, dass ich bis heute darüber nicht groß reden möchte. Was da geschah, wie unser Alltag aussah, wissen meine Eltern bis heute nicht. Details über diesen Abschnitt der Kindheit sind bei mir zu Hause, 40 Jahre danach, immer noch Tabu.

    Schon damals, als Pubertierender, habe ich begriffen, dass die Schulgefängnisse auf dem Lande die Seele unserer Nation zerstören werden. Und ich erhielt Recht sogar von der Regierung. Das Experiment ist beendet, aber Generationen von Kubaner werden davon einen großen Schaden tragen. Viele von uns versuchen im Ausland das Vergessen durch Verdrängen. Ich klammere mich auf meine Erinnerungen an ein Leben davor, an die Kindheit im Unschuld der Familie. Das Kuba davor soll mein Kuba bleiben!

  9. Jedes Land braucht seinen Steve Jobs. In Kuba wäre es einer, der die Doppelwährung abschafft. Und vielleicht noch, nach dem Muster Saudi Arabiens, den Dieben Nasen oder Ohren amputiert. Krankenhäuser gibt es genug.

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