Humor in Zeiten der Angst

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Gelegentlich wird er zu irgendeiner TV-Comedy-Show eingeladen, aber davon lebt er nicht. Ein Engagement in einem der exklusiven Restaurants ist ihm lieber, die neuerdings in ganz Havanna aus dem Boden sprießen. Bezahlung in konvertiblen Pesos, eine Mahlzeit und die Freiheit, sich über alles, was man will, lustig zu machen, sind in diesen Räumlichkeiten auf Privatunternehmens-Basis garantiert. Mit dem Mikrofon in der Hand macht er vor einem ausgewählten Publikum wohlhabender Leute jene Witze, die vor den nationalen Fernsehkameras verboten sind, und spottet über Themen, die man ihm in einem Studio des ICRT* nie erlauben würde. Sarkastisch greift er die internen Einreisebestimmungen an und macht die – spöttische – Bemerkung, dass er ‘drei illegale Einreiseversuche in die Hauptstadt‘ unternommen habe.

Mit fortschreitendem Abend kommen und gehen die Getränke, und seine Sprache wird schärfer, bissiger. Es beginnen die politischen Witze, verschleiert, zugleich aber direkt, wobei seine Hand manchmal unter seinem Kinn einen Bart andeutet. Später hält er einen langen Monolog über die Armut in seinem im Osten gelegenen Dorf und erzählt, dass seine Mama in die Stadt umziehen will, ‘um mehr rationierte Eier bekommen zu können‘. Er scheint ein anderer zu sein, anders als jener, der im Nationalfernsehen nur über seine eigene Figur lacht. Zwischen den Tischen und mit dem Einverständnis der Lokaleigentümer macht er sich auch über den Polizeichef lustig, der sich mit all seinen Machtbefugnissen in jedem kleinen Dreckskaff als Tyrann aufspielt. Danach driftet er ab in seine ausgedehnte – und vulgäre – Sammlung von Witzen über Sex, Rassismus und Homosexuelle und verwendet Wörter, die genauso derb sind, wie man sie auf der Straße hört.

Die Gäste fragen sich beim Verlassen der Lokalität, ob das wirklich derselbe Komiker war, den sie zur Primetime im Fernsehen gesehen haben. Jener kommt ihnen witzig vor, aber dieser hier, den sie gerade im Schutz eines privaten Restaurants entdeckt haben, ist unwiderstehlich komisch, spürbar frei. Aber wenn sie ihn dann wieder in irgendeiner Sendung auf Cubavisión oder Telerebelde** sehen, werden sie bemerken, dass von seinem umfassenden Repertoire nur der am wenigsten unbequeme Teil übrig ist, ein vorsichtiger und zensierter Bruchteil seines Lachens.

Anm. d. Ü.
*ICRT = Instituto Cubano de Radio y Televisión = kubanisches Rundfunk- und Fernsehinstitut
**Cubavisión, Telerebelde = nationale kubanische Fernsehsender
Übersetzung: Angelika Münch-Holzmeier, Iris Wißmüller
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