Die Reina* in der Reina-Straße

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Die Reina, unsere Straße mit Balkonen und Arkaden, mit Pizzen für 5 Pesos und Wasserabflüssen, die auf die Bürgersteige laufen. Ein Boulevard, wo geschachert wird und Leute auf eigene Faust ein Geschäft aufmachen, mit seinen fliegenden Händlern, die außerhalb der Läden Matratzen anbieten und einer gotischen Kirche, die zum Himmel zeigt. Auf der Reina tollen die Kinder herum, die morgens zur Schule gehen, strecken die Bettler ihre Hände mit einem Bildnis des Heiligen Lazarus aus und locken die Prostituierten nachts ihre Kunden an. Unter ihren Torbögen gibt es Platz für alles, für Schönes und Verdorbenes, für Vergangenes und diese halbgare Gegenwart, für ein Lächeln und eine Grimasse.

Gestern kam der laute Verkehr auf der Reina plötzlich zum Erliegen, die Mittellosen standen vom Boden auf und die Essens-Kioske schlossen eine Weile. Es war der Tag der Prozession der Jungfrau der Barmherzigkeit, deren Verehrung zurzeit bei den Kubanern nach Jahrzehnten von erzwungenem Atheismus um sich greift. Agnostiker und Neugierige, Gläubige und Staatspolizisten begleiteten das Gefolge einer kleinen Figur, die mit einem goldenen Umhang verziert war. Viele trugen Kerzen, Puppen, bekleidet nach Oshún-Riten, Sonnenblumen, gelbe Tücher und gelbe Kleidung. Es waren Tausende aus Überzeugung da und außerdem noch viele Schnüffler, die sich der Prozession anschlossen. In einem Land, wo es nicht erlaubt ist, die Straßen auf friedliche Art zum Protestieren zu übernehmen, zieht der 8 September in Havanna jedes Mal eben so viel Gläubige wie Unzufriedenen an.

Genau in dem Moment, als die “Reina” in die Reina-Straße einbog, entrollte jemand ein Plakat mit dem Wort „Freiheit“. Es war nur eine Sekunde, aber genug, um einen Vorgeschmack vom Horror zu erleben, eine vorgezogene Biopsie. Die Leute rannten los, die Polizisten in Zivil stürzten sich auf die Hände, die jenes Plakat hoch hielten, und das Gesicht des Priesters verzerrte sich, da er das Schlimmste befürchtete. Für einen Augenblick geriet das Bildnis ins Schwanken zwischen den Blütenblättern des Aufbaus, wohin sie es gestellt hatten. Danach trat Ruhe ein, es breitete sich Furcht aus, man hörte leise Gebete. Ein altes Weiblein sagte fast flehend „sie sollen die Prozession nicht zu politischen Zwecken missbrauchen, sonst werden sie Cachita nächstes Jahr nicht raus lassen“. Señora – wollte ich sagen, aber ich schwieg- wenn sie wirklich, wie man sagt, die Jungfrau aller Kubaner ist, wird sie uns akzeptieren, wenn wir rebellisch oder ruhig sind, apathisch oder aufrüherisch, wenn wir leise beten oder unseren Kummer laut heraus schreien.

Anm. d. Ü.
*Reina = die Königin
Übersetzung: Iris Wißmüller
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