Die breite Straße

diana_nyad

Mich traf der Schlag, als ich erfuhr, dass Diana Nyad versuchen würde, die Floridastraße zu durchschwimmen. Ich musste an jene Tage im Jahre 1994 denken, als mein Stadtviertel San Leopoldo ein einziges Gewimmel von Leuten war, die improvisierte Flöße bauten, um damit in See zu stechen. Ich erinnere mich vor allem eine Gruppe , die in jener Zeitspanne das Land verließen, in der die Kubanischen Machthaber davon absahen, die illegalen Ausreisen zu unterbinden. Ein Wasserfahrzeug, ausgestattet mit Holzklötzen und Wasserkanistern, die als Schwimmer fungierten, einem Bild der Jungfrau der Barmherzigkeit und einer fleckige Flagge, von der man schon nicht mehr sagen konnte, zu welcher Nation sie gehörte. Aber das Beeindruckendste war, dass in diesem schwächlichen Floß ausschließlich alte Menschen fuhren. Da war eine sehr dunkelhäutige Dame mit einem farbigen Florentiner-Hut , einem Blumenkleid und einem strahlendem Lächeln, die auf Spanisch und Englisch den jungen Männern dankte, die den Alten halfen, abzulegen. Ich habe nie erfahren, ob diese kleine Expedition je sein Ziel erreichte, ob all jene Greise, die sich dazu entschlossen hatte, von vorne zu beginnen, diese Chance je erhalten haben.

Siebzehn Jahre danach hörte ich die Nachricht, dass eine Nordamerikanerin denselben Weg versuchen will, diesmal jedoch geschützt durch Taucher, ein paar Kajaks und sogar durch ein medizinischen Team. Ihre lobenswerte Absicht war es, die Nähe zwischen der karibischen Insel und ihrem Nachbarn im Norden zu verdeutlichen, zu helfen, die beiden Küsten miteinander zu versöhnen. Aber die Floridastraße ist auch Teil unseres Nationalfriedhofs, des aufgewühlten Totenackers, auf dem tausende unserer Landsleute ruhen. Dass die Sportlerin ein so wichtiges Merkmal ausklammerte gefiel mir ganz und gar nicht. Ebenso wenig die Tatsache, dass sie durch das Datum ihres nautischen Abenteuers den zwanzigsten Jahrestag des Exklusivklubs Marina Hemingway hervorhob, in dem bis heute kein Kubaner weder ein Boot chartern, noch mit seinem eigenen an der ach so schönen Anlegestelle festmachen kann. Ich hätte es bevorzugt, wenn in den Strömungen des Golfes jemand schwämme, der erklärt, er kenne den Schmerz, den diese Wasser beherbergen, und der sein Vorhaben dem „unbekannten Balsero“ widmet, der in den Mäulern so vieler möglicher Haie starb.

Als ich heute erfuhr, dass die Schwimmerin nach 29-stündigen Anstrengungen ihr Ziel nicht erreichen konnte, fühlte ich mich in meinen abergläubischen Vorahnungen bestätigt. Es gibt gewisse Räume, dachte ich, die mehr brauchen als Schwimmstöße oder Sportrekorde, um weniger traurig zu wirken. Das offizielle Fernsehen sagte schlicht, dass „unüberwindbare Hindernisse aufgetreten seien, wie etwa Winde von mehr als 20 km/h Geschwindigkeit“. Ich kann Diana vor mir sehen, wie sie gegen die Wellen kämpft, die Sonne, die erbarmungslos auf ihren Kopf niederbrennt, ein stark salziges Meer, das sich in ihren Mund drängt. Ich gehe noch weiter und fantasiere, wie ein unerklärliches Detail ins Bild schwimmt, ein Florentiner-Hut, ein bunter Damenstrohhut, der nahe an ihr vorbei treibt und sie glauben lässt, dass sie mitten in der Floridastraße beginnt zu halluzinieren.

Übersetzung: Florian Becker
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