Am eigenen Leib

mar2

Mein Mobiltelefon klingelte in dem Moment, als ein Beamter mir mit strenger Miene die Antragsformulare für eine Ausreise aushändigte. Das Haus an der 17. Straße, zwischen den Kreuzungen J und K, wurde restauriert: neue Aluminium- und Glasfenster, ein veränderter Anstrich und eine größere Anzahl von Stühlen für die lange Wartezeit. Nichts an diesem neu renovierten Amtsgebäude wies am letzten Montag darauf hin, dass die Einschränkungen für die Ein- und Ausreise gelockert würden. Vielmehr schien es, als würde die riesige schornsteinlose Industrie der Einwanderungsbeschränkungen – mit beachtlichen jährlichen Dividenden in konvertibler Währung – für viele weitere Jahre bestehen bleiben. Widerwillig nahm ich den Anruf entgegen, genervt von der Bürokratie, die mich den ganzen Morgen schon zermürbt hat. Eine fast metallische Stimme, weitergeleitet über Skype, fragte mich: „Hast du schon erfahren, was Raúl Castro gesagt hat?“

Ich kam nach Hause und hörte mir die Rede des kubanischen Präsidenten vor der Nationalversammlung an. Fast am Schluss gab er bekannt, dass man „gerade daran arbeite, die bestehende Einwanderungspolitik zu aktualisieren“. Trotzdem halte ich nun alle Formulare für den Erhalt einer Reisegenehmigung in Händen und einen mit Visa gefüllten Pass, den ich nicht verwenden konnte. Am kommenden Donnerstag sollte ich zur Veranstaltung „BlogHer“ in San Diego reisen, aber es ist undenkbar, dass die neuen Regelungen so schnell kommen, dass ich noch rechtzeitig in dieses Flugzeug steigen kann. Während ich dem neuen Máximo Líder zuhörte, erinnerte ich mich an einen Freund, der halb zum Spaß, halb im Ernst gesagt hat: „Auf Kuba sind weder die Öffnungen weit genug geöffnet, noch sind die Schlösser wirklich fest verschlossen“. In diesem Fall kann ich mich nicht von meiner Skepsis loslösen, die aus meinen eigenen Erfahrungen erwächst, mit 16 Reiseverweigerungen in nur 4 Jahren.

Die Möglichkeit, unser eigenes Land zu verlassen und zu betreten, war viel zu lange ein ideologisches Druckmittel. Das Erhalten dieser weißen Karte, die uns erlaubt, die Insel zu verlassen oder uns dazu „befähigt“ das nationale Territorium zu betreten, hat uns auf „politisches Wohlverhalten“ konditioniert. Ich glaube nicht wirklich, dass die Flagge sich für alle auf die gleiche Höhe heben wird. Eine Liste mit Personen, die das Land nicht verlassen dürfen, wird in irgendeiner Schublade erhalten bleiben, mit scharlachroter Tinte werden diejenigen markiert, die von dieser Reform nicht profitieren werden. Dennoch wird sich etwas in die richtige Richtung bewegen. Wenn die Mehrheit der Kubaner es schafft frei zu reisen, dann habe ich zumindest die Hoffnung, dass die erzwungene Unbeweglichkeit der anderen umso peinlicher erscheint.

Übersetzung: Valentina Dudinov
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Ein Gedanke zu „Am eigenen Leib

  1. wieviel mehr gerechtigkeit erlangen gesetze, die künftig anstatt „politischen wohlverhaltens“ nunmehr den geldbeutel entscheiden lassen, wer die freiheit genießen darf und wer nicht?

    … und um an deine argumentationskette anzuschließen, liebe yoani: wenn künftig anstatt „politisches wohlverhalten“ einzig das streben nach besitz usw. das tun der menschen konditioniert (dabei heiligt der zweck die mittel, wie du auf der welt sehen kannst, wenn du deine augen aufmachst), … wieviel mehr „gerecht“ und „frei“ wird euer kuba dann sein?

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