Ermüdung

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Es war sehr früh am Morgen, die Augenringe des Sprechers sahen aus wie zwei dunkle Wunden und die Sonne brannte noch nicht so sehr auf die Plaza Máximo Gómez. Auf gepolsterten Sitzen wohnte eine kleine Gruppe persönlich dem Festakt des 26. Juli* in der Provinz Ciego de Ávila bei. Der Rest des Platzes hingegen saß auf Plastikstühlen oder musste einfach stehen. Die wenigen Fernsehzuschauer, die zu dieser Zeit wach waren und vor ihren Bildschirmen saßen (zu ihnen gehörte auch ich), mussten gegen den Drang ankämpfen, nicht wieder einzuschlafen. Die Veranstaltung war so langweilig und so vorhersehbar in ihrem Verlauf, dass man manchmal den Eindruck hatte, es handele sich um die wiederholte Ausstrahlung einer Aufnahme der vorigen Jahre. Nicht einmal ein spontaner Luftstoß wehte durch die Haare der Teilnehmer. Sogar die Fliege, die aus einer Laune heraus ins Bild flog und vor dem Gesicht des Hauptredners vorbeisummte, wirkte irreal.

Aber der Höhepunkt der Monotonie waren die Worte von José Ramón Machado Ventura. Eine Stunde nachdem man sie gehört hatte, fiel es schon schwer sich zu erinnern, was der grauste aller Vizepräsidenten, der dogmatischste der Orthodoxen gesagt hatte. Während der eingeplanten Wortpausen in der Rede schrie jemand eine Parole, die die Menge dann wiederholte. Auch der Applaus wirkte stets angemessen eingeteilt, ohne unautorisierten Jubel, ohne Ausbrüche. Übergroße Berechtigungsnachweise hingen um den Hals derer, die das Privileg eines Stuhls genossen. Diese exzessive Verschwendung von Papier und Plastik stand im krassen Kontrast zu den Aufrufen zu mehr Effizienz und weniger Bürokratie, die vom Podium herschallten.

An einem Punkt, der wohl das Ende sein musste, obwohl er sich auch nur als ein Moment der Verzögerung im Drehbuch des Festakts erweisen konnte, verließ Raúl Castro die Festlichkeit, ohne ein einziges Wort an die Menschenmenge gerichtet zu haben. Er stand von seinem Stuhl auf und ging davon, dichtauf gefolgt von einem treuen Leibwächter, der vor der Fernsehkamera photogener ist als einige Minister. Der Platz begann sich schnell zu leeren, während der Redner versuchte, mit gewissen Leitsprüchen, die einst die Menschen begeistert hatten, zum Schluss zu kommen. „Und das ist also übriggeblieben?“, dachte ich mitleidig. „Mit dieser Choreographie der Erschöpfung wollen sie die Menschen begeistern?“ Ich schaltete den Fernseher mitten in einem Satz des Redners aus und ging wieder schlafen. Draußen heizte die Sonne bereits die Balkone auf, trocknete Pfützen aus und enthüllte darunter verborgene Risse.

Anm.d.Ü.
* Kubanischer Feiertag. Am 26. Juli 1953 fand der Angriff auf die Moncada-Kaserne in Santiago de Cuba unter Führung von Fidel Castro statt. Das Datum gilt als Ausgangspunkt der kubanischen Revolution.
Übersetzung: Florian Becker – sub:werk
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