Das Gebrüll des Meurice

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„Den Löwen des Ostens“ nannten sie den Erzbischof Pedro Meurice Estiú wegen seines Mutes, den er angesichts der Willkür und dem Autoritarismus mehr als nur einmal bewiesen hat. An jenem 24. Januar 1998 schien seine Miene ernst, in Gedanken versunken. Papst Johannes Paul II. hatte gerade seine Predigt beendet und der Erzbischof wollte sich nun an seine Herde und den Hirten wenden, der zu Besuch gekommen war. Bevor er auf das Podium trat, sprach Meurice zu dem Priester José Conrado Rodriguéz Alegre und sagte ihm: „dieser Löwe ist schon alt und hat eine zerzauste Mähne, aber er wird brüllen.“ Er nahm das Mikrofon und hielt Wort.

Für die überraschten Einwohner Santiagos, die sich dort versammelt hatten, und uns, die wir die Live-Übertragung im Fernsehen anschauten, schien seine Rede all unsere Gedanken auszudrücken, als ob sie aus unserem eigenen Mund käme. „Heiliger Vater… ich präsentiere Ihnen eine wachsende Anzahl von Kubanern, die das Vaterland mit einer Partei verwechselt haben, die Nation mit dem historischen Prozess, den wir in den letzten Jahrzehnten erlebt haben, und die Kultur mit einer Ideologie.“ Und auf dieser Seite der Bildschirme haben viele von uns nicht aufgehört zu applaudieren, zu weinen, aufzuspringen und auf das schockierte und verärgerte Gesicht von Raúl Castro zu schauen, der sich am Fuße der Bühne befand. Noch nie hatte jemand dem Minister der Streitkräfte Wahrheiten dieser Art gesagt – öffentlich und vor so vielen Zeugen. Einige verließen erschrocken diesen riesigen Platz, doch andere, die Wagemutigsten, riefen im Chor das Wort „Freiheit“.

„Dies ist ein Volk, das einen Reichtum an Freude besitzt und an materieller Armut leidet, die es traurig macht und erschöpft, und es kaum über das unmittelbare Überleben hinaus blicken lässt“, brüllte der Löwe weiter. Und in unserem eingeschlafenen Bürgerbewusstsein begann sich etwas zu regen. Meurice kehrte zu den Jahren seiner größten Vitalität zurück und die Schwerter, die aus dem Boden jenes Platzes ragen, hielten uns den Widerstand vor Augen, der in irgendeiner Ecke der Geschichte verloren gegangen ist. Für ein paar kurze Minuten waren wir frei. Die Predigt endete; die finsteren Gesten unseres derzeitigen Präsidenten sagten Schelte für den alten Löwen voraus, doch der Hirtenstab von Johannes Paul II. würde ihn davor schützen.

Heute hat Pedro Meurice uns verlassen mit seinem Wagemut einer Raubkatze, die ihren Wurf beschützt, er hat uns in der Verantwortung zurückgelassen, uns selbst der Welt zu präsentieren. Wie werden wir uns jetzt darstellen? Wer wird uns glauben, dass wir 13 Jahre später immer noch nicht in der Lage sind, den „falschen Messianismus zu entmythologisieren“? Wie sollen wir erklären, dass die Angst uns lähmt, sodass wir weiterhin darauf warten, dass jemand anderes für uns brüllt?

Übersetzung: Valentina Dudinov, Iris Wißmüller
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