Lichi

eliseo_alberto

Eliseo Alberto Diego, für seine Freunde einfach Lichi, redet so als würde er schreiben, erzählt die alltäglichsten Geschichten, als würde er dabei Literatur erschaffen. Ich erinnere mich an so manchen Abend in seinem Haus in Vedado, an dem er jene Anekdoten erzählte, von denen wir nicht genau sagen konnten, ob sie komplett erfunden waren oder ob sie doch ein Fünkchen Wahrheit enthielten. Denn dieser Riesenkerl mit seinem schallenden Lachen liebt es, zu erzählen – und das tut er ohne Unterlass. Somit sind wir, seine Bekannten, zu den aufmerksamen „Ohren“ geworden, an denen er die Erfindungen ausprobiert, die er später auf die Seiten seiner Bücher bringen wird. Wir wurden, zu unserem größten Vergnügen, zu Geschöpfen, an denen er wieder und wieder seine Werke erprobt und wirken lässt.

Als der große Fabeldichter Lichi uns offenbarte, dass er eine Nierentransplantation benötigte, dachten wir daher zuerst, dass es sich um einen weiteren seiner poetischen Tricks handele. Er war ja schon halb Kubaner und halb Mexikaner, halb Poet und halb Romanautor, und jetzt, so argwöhnten wir, wollte er sich auch noch damit brüsten, aus der organischen Materie mehrerer Personen zu bestehen. Mit Misstrauen betrachtet schien es die vollendetste aller seiner Erfindungen zu sein. Aber nein, er redete nicht über eine Romanfigur im Stil derer aus “Esther en alguna parte” oder “La eternidad por fin comienza un lunes”*, sondern von sich selbst. Sein Körper schrieb für ihn die dramatischste seiner Geschichten.

Ich weiß noch, wie mein Ehemann Reinaldo ihm eine seiner Nieren anbot. Aber Lichi wollte ihm nicht glauben, oder wollte nicht, dass sein Freund und Gefährte so vieler Schlachten eines dieser Organe verliert. Heute Abend haben wir die Nachricht erhalten, dass sein Körper nun einen Teil einer jungen Mexikanerin beherbergt, die bei einem Unfall ums Leben kam. Die Solidarität einer Familie, das (manchmal nicht sehr geduldige) Warten des Sohnes des großen Eliseo** und die guten Wünsche seiner Freunde haben sich vereint, um dieses Abenteuer zu einem guten Ende zu bringen. Wenn er uns jetzt wieder mit seinen Geschichten beglückt, werden wir ihm ein wenig mehr glauben müssen. Denn Lichi, der große Fabulant unserer Abende in Havanna, ist einer Erfahrung sehr nahe gekommen, von der nur er uns erzählen kann.

Anm. d. Ü.
* Zwei Romane von Lichi. Die Werke sind bisher nicht ins Deutsche übersetzt worden. Frei übersetzt heißen die Titel auf Deutsch “Esther irgendwo” und “Die Unendlichkeit beginnt nun endlich an einem Montag”
** Lichis Vater, Eliseo Diego (1929-1994), war ebenfalls Dichter und Schriftsteller.

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Übersetzung: Florian Becker – sub:werk

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