In der Armee dienen, schweigen und töten

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Letzte Nacht habe ich kaum geschlafen. Ein Buch brachte mich dazu, mich im Bett herumwälzen und an die Kassettendecke meines Zimmers zu starren.“Der Mann, der die Hunde liebt“, ein Roman von Leonardo Padura, erschüttert durch seine Ehrlichkeit, durch das ätzende Beizmittel, das er über die entschwindende Utopie gießt, die sie uns aufstülpen wollten. Es gibt keinen, der ruhig bleibt beim Lesen der schrecklichen Geschichten über jene Sowjetunion, die man uns als Kinder verehren hieß. Intrigen, Säuberungen, Morde, erzwungenes Exil rauben einem den Schlaf, auch wenn man sie in der dritten Person liest. Wenn man dann noch miterlebte, dass die eigenen Eltern glaubten, dass der Kreml der Führer des Weltproletariats war, und weiß, dass der Präsident des eigenen Landes bis vor kurzem ein Foto von Stalin in seinem Arbeitszimmer hatte, dann verschlimmert sich die Schlaflosigkeit noch.

Ich wage zu behaupten, dass keines all der auf dieser Insel veröffentlichten Bücher so vernichtend mit den Grundpfeilern des Systems verfahren ist, wie dieses. Vielleicht hat man deshalb auf der Buchmesse von Havanna nur 300 Exemplare in den Handel gebracht, von denen kaum 100 in die Hände der Öffentlichkeit gelangten. Es ist schwierig, jetzt ein Werk zu zensieren, das schon in einem Verlag im Ausland herausgegeben worden ist, und dessen Autor nach wie vor in den staubigen Straßen Mantanillas* lebt. Durch die Aufmerksamkeit, die er außerhalb dieser Insel erlangte, und dadurch, dass man unmöglich weiterhin bekannte Namen der nationalen Kultur entziehen kann, ohne dass sie völlig verödet, hatten wir Leser das Glück, uns in seine Seiten vertiefen zu dürfen. Den Mörder von Trotzki enthüllt er uns darin als einen Mann, gefangen in seinem militärischen Gehorsam, der alles glaubt, was seine Vorgesetzten sagen. Eine Geschichte, die uns sehr nahe geht, nicht nur weil unser Land Ramón Mercader** in seinen letzten Lebensjahren als Zuflucht diente.

Padura legt seinem Erzähler in den Mund, dass er zur Generation „der Gutgläubigen gehörte, die alles romantischerweise akzeptierten und mit Blick auf die Zukunft rechtfertigten“. Unsere Generation musste die Frustration der Eltern mit der Muttermilch einsaugen, sehen, wie wenig sie erreicht hatten. Sie waren einmal losgezogen, um allen das Lesen und Schreiben beizubringen, gaben ihre besten Jahre dran und hatten für ihre Kinder eine Gesellschaft vor Augen, die allen eine Chance bietet. Es gibt niemanden, der ohne Blessuren daraus hervorging, es gibt kein soziales Hirngespinst, das vor der so hartnäckigen Wirklichkeit bestehen könnte. Die lange Morgendämmerung, in der ich mich im Bett herumwälzte, gab mir Zeit, um nachzudenken, nicht nur über den verborgenen Müll unter dem Teppich der reinen Lehre, sondern auch darüber, wie viele dieser Methoden heute noch auf uns angewandt werden und wie tief sich der Stalinismus in unser Leben gegraben hat.
Ich warne Sie, es gibt Bücher, die uns so sehr die Augen öffnen, dass wir nicht mehr in Ruhe schlafen können.

Anm.d.Ü.
*Stadtteil Havannas
**Ramón Mercador (1913 – 1978) spanischer Kommunist und Agent des sowjetischen Geheimdiensts. Bekannt wurde er als Mörder Leo Trotzkis.
Übersetzung: Iris Wißmüller
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