Vom Gastgeber zum Gefängniswärter

eta

Ich war im achten Monat schwanger, als ich zwei radikale Basken kennenlernte, die in Kuba lebten. Sie hießen Rosa und Carlos, oder zumindest nannten sie sich damals so. Sie luden uns in ihre Villa in Miramar ein, zu einem Fest mit Troubadourenmusik und Chorizo. Sie warteten mit einer Unmenge an Serranoschinken und Trockenobst auf, was wir bisher nur aus dem Fernsehen kannten. Aber nicht einmal die aromatischen Gaumenfreuden konnten verhindern, dass uns Zweifel kamen, als wir die beiden beobachteten. Wie hatten die Leute es geschafft, an solch einem Ort zu leben, mit einem Auto mit privatem Kennzeichen und einer so gut ausgestatteten Speisekammer? Was hatten sie getan, um Zugang zu diesen Privilegien zu erhalten, die für gebürtige Kubaner undenkbar waren.

Einen Monat später kam mein Sohn zur Welt, der Serranoschinken ließ sich viele Jahre lang nicht mehr bei mir blicken und nach zehn Jahren sah ich zufälligerweise Carlos auf der Straße. Ich rief seinen Namen, aber er reagierte nicht. Er stieg schnell in ein Auto ein und verschwand im regen Treiben der Avenida Reina. Über Rosa hatte ich gehört, dass sie umgezogen sei und sich nun als Daniela vorstelle. Ihre neue Tarnung war der Verkauf von Pauschalreisen. Aber da hier in Havanna Geschichten, Gerüchte und Geheimnisse schnell die Runde machen, habe ich erfahren, dass sie ETA-Mitglieder waren, die von der spanischen Justiz gesucht wurden, und dass man ihnen ihre Villa als „Gästehaus“ zugewiesen hatte. Keiner der beiden konnte mit seiner echten Identität nach Spanien zurückkehren.

Nichtsdestotrotz hatte es ein Ende mit ihrem luxuriösen Unterschlupf. Ihre Gastgeber haben sich in Gefängniswärter verwandelt. Dieselbe Regierung, die sie einst aufnahm und mit Geld versorgte, weigert sich seit Monaten, ihnen neue Reisepässe zu fälschen, um nach Frankreich oder sonst wohin reisen zu können. Ich weiß nicht, unter welchem neuen Namen Rosa und Carlos heute leben und wie viele ihrer einstigen Privilegien sie bereits einbüßen mussten. Aber ich stelle mir vor, dass sie nun Gefangene auf dieser Insel sind, allen um sie herum misstrauen und jene Weggefährten verfluchen, die ihnen Unterschlupf gewährten; jene „großzügigen“ Beschützer von damals, die sie nun hier festhalten.

Übersetzung: Florian Becker  www.subwerk.com

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Ein Gedanke zu „Vom Gastgeber zum Gefängniswärter

  1. Über die Zusammenarbeit mir der spanischen Regierung in Sachen ETA-Flüchtlinge kein Wort.

    Thank you, Yoani
    The State Department

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