Der nicht veröffentlichte Artikel

juanwilfredosotogarcia

Heute wollte ich eigentlich einen Muttertags-Text bringen, eine kurze Vignette darüber, dass die Hände meiner Mutter nach Zwiebeln, Knoblauch und Kreuzkümmel riechen… weil sie so viel Zeit in der Küche verbringt. Ich hatte vor, euch von der Freude zu erzählen, die ich empfand, als ich sie am Tor meines Landschulheims mit Lebensmitteln ankommen sah, deren Beschaffung sie eine ganze Woche und große Anstrengungen gekostet hatte. Doch als ich gerade dabei war, meinem kleinen Muttertags-Artikel den letzten Schliff zu verleihen, starb in Santa Clara Juan Wilfredo Soto*, und alles andere verlor an Bedeutung.

In dieser Gegend sehnen sich die Schlagstöcke der Polizei wieder danach, auf Rücken einzuprügeln. Die wachsende Gewalt der Uniformierten ist etwas, worüber man flüstert und viele beschreiben sie detailliert, ohne es zu wagen, sie öffentlich anzuprangern. Diejenigen von uns, die schon einmal im Gefängnis saßen, wissen sehr wohl, dass die süßliche Propaganda „Polizei, Polizei du bist mein Freund“, die im Fernsehen wiederholt wird, eine Sache ist, und die Straffreiheit, die diese Personen mit Kennmarke genießen, eine andere. Wenn sich zudem noch die politische Gesinnung des Häftlings von der herrschenden Ideologie unterscheidet, ist die Behandlung umso härter. Die Fäuste sollen ihn überzeugen, da die schwachen Argumente es nicht vermögen.

Ich weiß nicht, wie die Behörden meines Landes es erklären werden, aber ich bezweifle, dass sie uns davon überzeugen können, dass diesmal die Schuld nicht bei der Polizei lag. Es ist nicht einzusehen, dass ein Mann, der unbewaffnet in einem Park des Stadtzentrums sitzt, eine große Bedrohung darstellen soll. Was passiert ist folgendes: Wenn man die Intoleranz schürt, wächst die Respektlosigkeit gegenüber dem einzelnen Bürger, man gibt der Polizei grünes Licht, und dann geschehen solche Tragödien. So wie die von heute, die dazu geführt hat, dass eine Mutter nicht am Tisch, der von ihren Sprösslingen gedeckt wurde, sitzt, sondern in einem abgedunkelten Raum einer Leichenhalle bei der Totenwache für ihren Sohn.

Anm.d.Ü.
* Der 46-jährige Dissident wurde in einem Stadtpark in Santa Clara festgenommen und starb drei Tage nach seiner Misshandlung durch die Polizei.

Übersetzung: Valentina Dudinov, Iris Wißmüller
1318 Klicks in den letzten 24 Stunden.

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3 Gedanken zu „Der nicht veröffentlichte Artikel

  1. Die einen behaupten er starb nachdem er von der kubanischen Polizei zusammengeschlagen wurde an den Folgen.
    Die anderen behaupten er war schwer krank und ist zufällig im Knast gestorben.
    Die eine sagen er war ein ehrwürdiger Kämpfer für die Menschenrechte, also ein Dissident,
    die anderen sagen er war ein halbmafiöser Provokateur, also ein Konterrevolutionär.

  2. Arme Frau, die Yoani

    Das Land hat wirkliche Probleme, die Wirtschaft braucht Reformen, und sie vergeudet ihre Zeit mir einem Verstorbenen, der warscheinlich mishandelt wurde aber nicht daran starb. Natürlich soll man nicht schweigen, wenn die PNR übergreifft, aber das Thema soll weniger als 1% der Tweets ausmachen.

    Liebe Yoani, schreib mal, wem soll Havanna Club oder die Tropicana gehören, wen siehst du als Eigentümer und wen als Manager? Oder: sollen Kubaner ihre Häuser an Ausländer verkaufen dürfen? Oder: bist du für CUC oder für CUP Abschaffung? Das sind Themen. Die 50 Dissidenten sind für Radio Marti von Interesse.

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