Cashew: die verbotene Frucht des sozialistischen Paradieses

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Die Furche wuchs bis ins Unendliche vor unseren Augen. Auch an diesem Tag würde die Norm nicht erfüllt werden, aber „wen interessierte das schon?“. In jenem Landschulheim übten wir uns in einer über das ganze Land sehr verbreiteten Praktik, nämlich darin, Arbeit vorzutäuschen. Wenn die Lehrer uns beobachteten, beugten wir uns hinunter und taten so, als ob wir das Unkraut herausreißen würden, das die dünnen Tabakpflänzchen umgab. Sobald sie weg waren, kehrten wir in die horizontale Position zurück, um über unsere wichtigste Obsession als Jugendliche zu reden. Überraschenderweise war es nicht der Sex, sondern das Essen.

An diesem Morgen stand die Bewässerungsmaschine mitten auf dem Feld und glich einem gestrandeten Albatros mit ausgebreiteten Flügeln in der Sonne. Meine Freundinnen und ich kletterten in die leere Kabine, berührten den Schalthebel, die Knöpfe und das Steuer. Wir hüpften auf den geflickten Sitz und stellten uns vor, jenes Stück knarzenden Metalls würde losfahren und wir würden mit seinem Nass alle Schüler vollspritzen. Wir lachten schon im Voraus, aber kein einziger Tropfen rann aus den langen Röhren, die sich auf beiden Seiten befanden. Als wir jedoch hier und dort herumschnüffelten, stießen wir auf einen Blechbehälter mit seltsamen Früchten. Sie hatten die Form von Paprikaschoten, aber die Farbe wechselte zwischen gelb und einem intensiven Orange und ein Samen hing außen an ihnen. Als Jugendliche aus der Hauptstadt, gefangen zwischen den Entbehrungen durch die Lebensmittelrationierung und dem Zusammenbruch der Landwirtschaft, konnten wir natürlich nicht wissen, dass es eine Cashewfrucht war.

Wir bissen sofort hinein. Süß, mild und dann, als der Gaumen sich allmählich zusammenzog, dachten wir, wir hätten uns vergiftet. Erschrocken liefen wir schreiend davon. Das Gelächter des Lehrers dauerte einige Minuten. Nachdem das pelzige Gefühl vorbei war, blieb das Verlangen, noch einmal in das Fleisch dieser Frucht zu beißen, die schon in den Décimas Guajiras* besungen, von unseren Großeltern erwähnt und von einigen Künstlern des letzten Jahrhunderts gemalt worden war. Ich war beeindruckt von dieser verbotenen Frucht unseres sozialistischen Paradieses. Es sollten fast zwanzig Jahre vergehen, bis ich sie wieder zu Gesicht bekam.

Anm.d.Ü.
*Das Lied Guantanamera geht in seiner heute verbreiteten Fassung zurück auf eine Guajira-Melodie. Diese wiederum bezieht sich auf einige Verse aus dem Gedichtzyklus Versos Sencillos („einfache Verse“) des kubanischen Nationalhelden José Martí. In den Jahren 1929–35 improvisierte José Fernández Díaz im Radio auf aktuelle Tagesereignisse sogenannte Décimas und sang als Refrain „Guantanamera, Guajira Guantanamera“. (Wikipedia)
Übersetzung: Iris Wißmüller

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