Schlitzaugen

venta

In Gruppen durchqueren sie die Stadtteile von Havanna. Es sind hunderte chinesischer Studenten, die in Kuba spanisch lernen und etwas Farbe in eine Realität bringen, in der andere Ausländer kaum mehr als ein Paar Wochen als Touristen bleiben. Dank ihnen, gibt es in der Stadt wieder diese asiatischen Augen, die in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts so häufig zu sehen waren. Für eine Weile ist auch diese asiatische Gangart zurückgekehrt, bei der man den Eindruck hat, dass die Fußspitzen kaum den Boden berühren. Sie strömen in das chinesische Viertel, gegenüber der Straße Zanja, und lassen ihr Kichern vor einigen Restaurants mit Papierlaternen und roten Vorhängen ertönen, in denen eher lokale oder italienische Küche angeboten wird, als Gerichte mit Mangold oder Nudeln.

Eines Morgens traf ich einige von ihnen außerhalb ihrer üblichen Routen, in der Nähe des Hauptbahnhofs. Sie hatten leere Taschen, müde Gesichter und einen langsamen Gang. Eines der Mädchen fragte mich, nachdem sie in ihrem kleinen Wörterbuch nachgesehen hatte, wo sie Salat kaufen könnten. Es war einer dieser heißen Monate, in denen Gurken das einzige Grünzeug war, das es auf den Auslagen der Märkte zu kaufen gab. Trotzdem hegten sie die Hoffnung auf ein landwirtschaftliches Wunder, um einige erfrischende Blätter auf ihren Tellern zu haben. Ich erklärte ihnen, dass die Sonne sehr stark sei und Gemüse nicht einmal auf überdachten Flächen geerntet werden könne, dass das Fehlen von Verpackungsmaterial den Transport des Gemüses in die Städte erschwere und, wenn es welches doch gäbe, dann nur zu sehr hohen Preisen.

Als Folge meiner seltsamen Erklärung rundeten sich nach einigen Minuten diese mandelförmigen Augen. „Salat, Salat!“, beharrten sie und einer von ihnen übersetzte mir das Wort in alle Sprachen, die er kannte: „lettuce, laitue, Kopfsalat, alfase…“. Ich lächelte und erklärte, dass es nicht darum gehe, dass ich das Wort nicht verstand, sondern dass ich in dem Moment einfach nicht wisse, wo sie das Gemüse finden konnten. Selbstverständlich glaubten sie mir nicht. „Geht auf den Platz der Vier Wege und schaut, ob ihr dort etwas findet“ war das letzte, was ich ihnen sagte, um ihre Hoffnung nicht zu zerstören. Und in diese Richtung sind sie gegangen mit ihrem erschöpften Gang, ihren leeren Taschen, die im Wind flatterten und mit ihrer, etwas verblassten, orientalischen Eleganz, der es an etwas Gemüse fehlte, um wieder zu ergrünen.

Übersetzung: Valentina Dudinov
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