Der Kongress und das Gelächter

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Lachen ist immer noch ein gutes Heilmittel gegen die alltäglichen Enttäuschungen. Wenn wir auf dieser Insel also die Lippen zu einem Lächeln öffnen, so tun wir das mehr als Selbsttherapie als aus Freude. Die Touristen machen dann Fotos von uns, und nach ihrer Heimkehr erzählen sie, dass die Kubaner ein fröhliches Volk sind, das selbst angesichts der Schwierigkeiten seine gute Laune nicht verliert. Ach je, die Touristen und ihre Erklärungen! Sie reisen um die Welt mit dem Schnappschuss dieses Lachen, das in unserem Gesicht den Ausdruck der Angst überdeckt, oder mit dem zufriedenen Gesicht, das wir machen, wenn wir, nach einem Jahr Anträge stellen, die Brille für unser Kind erhalten.

Auch sich lustig machen kann eine gute Präventivtherapie sein, um aufkommende Enttäuschungen abzuwehren. Vielleicht ist das der Grund, warum jedes Mal, wenn ich jemanden auf die möglichen Reformen des sechsten Kongresses der PCC anspreche, dieser mit einem Kichern antwortet, mit einem ironisch klingendem „Hihihi“. Im nächsten Moment zuckt er mit den Schultern und sagt etwas wie: „Na ja, da darf man sich nichts vormachen… Vielleicht legalisieren sie ja den Kauf von Immobilien und Autos.“ Diese Worte schließt er mit einer rätselhaften Grimasse der Freude ab, die mich noch mehr verwirrt. Es ist schwer zu sagen, ob die Mehrheit meiner Landsleute dafür ist, dass in der Parteikonferenz nun Änderungen beschlossen werden, oder ob sie dafür ist, dass es zu einem Fiasko kommt, um die Reformunfähigkeit des Systems offensichtlich zu machen.

Obwohl die Erwartungen an den Kongress in den letzten Monaten stark heruntergeschraubt wurden, ist doch noch ein Rest von ihnen geblieben, und das vor allem unter den materiell Ärmsten und den ideologisch Hartnäckigsten. Das Bild des pragmatischen Raúl Castro ist dem eines zögerlichen Regierenden gewichen, der mit der momentanen konjunkturellen Entwicklung völlig überfordert ist. Der Kongress, von dem einige annahmen, dass er Reformen hervorbringen würde, hat zu lange auf sich warten lassen und durch dieses Verharren viele der Hoffnungen verloren, die er einst gesät hatte. Hinter dem rätselhaften Lächeln der Taxifahrer, der Pizzaverkäufer, der Studenten und sogar einiger Parteimitglieder verbirgt sich heute der Hohn derer, die wissen, wie wenig sich die Dinge ändern werden, und die sich mit stillem Spott im Vorhinein gegen diese Enttäuschung impfen.

Übersetzung: Florian Becker
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