Öl im Getriebe

aceite

Ein Tropfen kullerte mir das Bein herab, rann in die Vertiefung, die mein Fußknöchel im Schuh formte, und ich musste tausend Pirouetten drehen, damit meine Mitschüler im Abschlussjahrgang nichts mitbekämen. Monatelang hatte meine Familie zum Kochen nur dieses Mineralöl, das wir von einem Verwandten bekamen, der Apotheker war und es heimlich von seiner Arbeit mitnahm. Ich erinnere mich noch, dass es beim Erhitzen in der Pfanne weiß schäumte und dass das Essen danach mit einem golden glänzenden Film überzogen war, der wohl für Fotografien in gastronomischen Zeitschriften perfekt gewesen wäre. Aber unsere Körper konnten dieses Fett nicht absorbieren, das eigentlich zur Herstellung von Lotionen, Parfüms und Cremes gedacht war. Es rann uns aus dem letzten Abschnitt des Darms und tropfte, tropfte, tropfte… Die wenige Unterwäsche, die ich besaß, war von Flecken übersät, doch wenigstens bekamen wir so mal eine Pause von dem ewig gekochten Essen und konnten zur Abwechslung ein wenig Gebratenes kosten.

Wir konnten uns wirklich glücklich schätzen, dass wir diesen „Butterersatz“ hatten, den jemand für uns stahl, denn in den neunziger Jahren mussten viele Andere Motoröl destillieren, um es zum Kochen zu verwenden. Vielleicht rührt daher bei uns Kubanern das Trauma bezüglich dieses Produkts, das man aus Sonnenblumen, Soja oder Oliven gewinnt. Der Literpreis von Speiseöl wurde zu unserem volkseigenen Indikator für Wohlstand oder Krise, zum Thermometer, um den Grad der Entbehrung zu messen. Da die Esskultur von Pinar del Río bis Guantánamo stetig beschränkter wurde, kennen die meisten kubanischen Küchen nur Rezepte, in denen die Zutaten gebraten werden. Von daher sind Schweineschmalz und jene flüssigen Bratfette mit hochtrabenden Namen wie „Der Küchenchef“ oder „Goldöl“ im Alltag von uns Kubanern unverzichtbar geworden.

Als vor einigen Tagen der Preis für Pflanzenöl ohne vorherige Ankündigung um 11,6 % angehoben wurde, kamen starke Unmutsgefühle auf – stärker sogar als damals, als sie die Kraftstoffpreise erhöht hatten. Viele von uns Kubanern haben kein Auto und spüren daher nicht, wie sich immer mehr Pesos Convertibles in immer weniger Benzin verwandeln, aber wir alle finden uns täglich vor einem Teller mit Grundnahrungsmitteln, deren Preise abgehoben haben. Dass das geschieht, ohne öffentliche Proteste zu verursachen, dass keine unzufriedenen Hausfrauen auf die Straße gehen und mit Kochlöffeln auf Pfannen schlagen, dass keine langen Zeitungsartikel erscheinen, die sich über diese überstürzte Preiserhöhung beschweren – das ist schwerer zu schlucken als eine Mahlzeit ohne Fett. Dieses stillschweigende Hinnehmen der Preiserhöhung beschämt mich mehr als das Rinnsal aus Mineralöl, das mir einst unter den spöttischen Blicken meiner Klassenkameraden die Waden hinab rann.

Übersetzung: Florian Becker
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Ein Gedanke zu „Öl im Getriebe

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