Dago im Fernsehen

dagoberto_valdes

Ich helfe meinem Sohn bei seinen Hausaufgaben – über das Dekameron von Boccaccio – und dann sehe ich eine Fernsehserie, die von einer anderen Art Elend erzählt als dem des mittelalterlichen Italiens. Es ist eine mehr als dreißigminütige Übertragung voller erzwungener Schlussfolgerungen – die wenig überzeugen – über die Beziehung von Oppositionellen, Künstlern und unabhängigen Journalisten zu ausländischen Kräften. Das Drehbuch basiert auf der Angst, dem Zittern der kubanischen Institutionen davor, dass einzelne Personen außerhalb der Grenzen des Staates sich austauschen, sich informieren und Erfolg haben können.

Ich beginne schon, vor Langeweile zu gähnen, als plötzlich das mir sehr bekannte Gesicht von Dagoberto Valdés erscheint, beschrieben als „konterrevolutionäres Element“. Ich stoße einen Freudenschrei aus, denn neben seinem Foto wurde auch die Zeitschrift Convivencia (Zusammenleben) erwähnt, die er führt. Ein Internetsurfer weiß, dass ein Angriff im nationalen Fernsehen zu vielen Zugriffen auf eine Seite führen kann, selbst in einem Land mit so wenig Internetzugängen wie diesem hier. Aber als meine Begeisterung für die Statistiken verfliegt, wird mir bewusst, dass mein Freund gerade öffentlich gesteinigt wird, zur Hauptsendezeit. Dago wird stark beleidigt, ohne das Recht zu haben, dazu Stellung zu nehmen. Er wird auf so eine Weise verteufelt, dass mich einige Kollegen verschreckt anrufen: „Werden sie ihn verhaften? Oder gar hinrichten?“ Ich versuche, sie zu beruhigen, denn je stärker die Beleidigung ist, desto größer ist auch die Verzweiflung und die Ohnmacht, die unsere Regierenden verspüren, dass sie die neuen Phänomene der bürgerlichen Vernetzung nicht aufhalten können. Aber ich sage denen, die mich fragen, nicht, wie besorgt ich in Wirklichkeit bin, ich mache mir Sorgen um diesen Mann aus Pinar del Río, dessen Beruf es einmal war, Palmblätter aufzusammeln.

Als das schwächste der Kapitel „Kubas Gründe“ endet, versende ich einige Tweets über mein Handy. Dies ist einer der größten Unterschiede – denke ich, während ich tippe – zwischen den Regierungskampagnen von früher und denen in diesem Jahrtausend der Informatisierung und der sozialen Netze. Heute zieht es ein Großteil meiner Mitmenschen vor, eine Sendung zu sehen, die mit einer illegalen Satellitenschüssel aufgenommen wurde, anstatt indoktriniert zu werden von einer Serie über verdeckte Ermittler, Hauptmänner des Innenministeriums, die mit einer verdächtig sanften Stimme sprechen, und versteckten Kameras, die das zeigen, was in der Öffentlichkeit passiert. Aber in Gegensatz zu den siebziger und achtziger Jahren hat Dago heute eine Website, ein Blog und sogar einen Twitter-Account, um das zu sagen, was sie ihm im offiziellen Libell nicht erlaubten. Er ist ein Bürger mit seinem eigenen Informationskanal, mit der Fähigkeit, Ideen zu verbreiten, eine Fähigkeit, die – bei einem solchen Angriff – zu seiner Hauptschuld wird und zu seinem einzigen Schutz.

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