Vom Zitronensaft zum verschlüsselten Code

codificador

Foto: http://annalesgeoehistoria.wordpress.com/

Im jüngsten Kapitel der Orwellschen Saga in unserem Fernsehen sahen wir einen jungen Mann mit verängstigtem Gesicht davon erzählen, dass ihm ein Tourist Programme zur Verschlüsselung von Daten geschenkt hatte. Viele dieser Programme kann man sich wohl ganz offen und gratis von Hunderten von Websites herunterladen, und sie werden von Bürgern und Unternehmen auf der ganzen Welt dazu genutzt, ihre Daten vor neugerigen Augen zu schützen. Aber hier auf dieser Insel, wo jegliche Andeutung von Privatsphäre schon als Beweis von einer Verschwörung gilt, wird das Schützen von Nachrichten oder Informationen auf unserem Computer als obszön und illegal eingestuft.

Unter dieser Voraussetzung hatten viele der Herbergen der Schulen auf dem Land keine Vorhänge an den Duschen, weil das Verdecken gegen das Kollektiv war. Zurückhaltung wurde zu einer Protesthaltung und ein Tagebuch zu führen – in dem man persönliche Vorfälle schilderte – wurde zu einer bürgerlichen Haltung, die darin endete, dass der „Kommandant“ der Truppe die Aufzeichnungen in aller Öffentlichkeit vorlas. Auch heute noch klopfen die wenigsten meiner Landsleute an die Tür, bevor sie eintreten, und den Sport des Herumschnüffelns im Leben anderer Leute praktizieren nicht nur die Mitglieder der Komitees zur Verteidigung der Revolution (CDR), sondern die ganze Nachbarschaft. Das Verletzen des intimsten Bereichs der Bürger wurde zu so einer üblichen Praxis, dass es niemanden mehr wundert, dass auf unseren kleinen Bildschirmen Aufnahmen von Telefongesprächen von Kunden von ETECSA erscheinen oder Fotos von Wohnungen von einzelnen kritischen Personen.

Jetzt ist das neue „schwarze Ungeheuer“ die Verschlüsselungssoftware. Die Militärs, die ihr Leben damit verbringen, Codes zu entwickeln, die ihre Informationen schützen und bewahren, dürften ziemlich aufgebracht darüber sein, dass solche Technologien nun allen zur Verfügung stehen. Aber diese neue Kampagne der Medien gegen die Diskretion reibt sich mit einigen Passagen des offiziellen Epos. Wenn ich mich recht erinnere, wurde mir, seit ich ein kleines Mädchen war, davon erzählt, wie Fidel Castro mit Zitronensaft – im Gefängnis – Teile seiner Verteidigungsrede schrieb, die wir als „Die Geschichte wird mich freisprechen“ kennen. Ich erkenne keinen großen Unterschied zwischen der Tatsache, die Wärter des Gefängnisses auf der Isla de Pinos mit einer unsichtbaren Schrift zu täuschen – die bei Wärmekontakt sichtbar wurde – und dem Verwenden von TrueCrypt, um Schnüffler zu vertreiben. In beiden Fällen weiß das Individuum, dass das repressive Umfeld es nicht erlauben wird, dass seine Stimme weit reicht, wenn sie nicht getarnt ist; es ist davon überzeugt, dass ein autoritärer Staat ohne Scham in seinem Leben herumschnüffeln wird, um ihm den letzten Rest seiner Privatspähre zu nehmen, der ihm noch bleibt.

5 Gedanken zu „Vom Zitronensaft zum verschlüsselten Code

  1. @Peter
    Danke für den Hinweis auf Phil Zimmerman und PGP. Sehr interessant.
    Liegt auch nicht weit von der Wikileaks story.
    Ich frage mich, warum es keine Cubaleaks gibt?
    Wenn es dort ein Paar Duzend Leute gibt, die 10 Jahre Knast für „US-Freundlichkeit“ riskieren, warum nicht Cubaleks?

  2. heute ist der 16 .Maerz,,,,schoen ist anders, zunaechst haben wir das Debakel in Japan was ja unbeschreiblich ist und darueber ist ja die TV voll.Der Dikdator von Libien gibt Vollgas und nur ein Wunder kann der dortigen Opposition helfen,scheinbar alles umsonst die Welt ausser einigen Erklaerungen tut nichts Deutschland will sich ueberhaupt nicht einmischen.Das alles wird auch auf den amerikanischen Kontinent Eindruck machen.Fidel und Chavez sind hochzufrieden es wird ihnen nichts geschehen Die Befreiung ferner denn je.Die werden die Pause auszunuetzen wissen ..sie kennen keine Konzessionen sondern nur die nackte Macht,,,,Leider wird Yoani noch laengere Zeit warten muessen bis sich was bewegt,,,ein Jammer!!

  3. Dass der Regierung die Existenz von verschlüsselung ein Graus ist, ist keinesfalls eine kubanische Eigenheit. Als Phil Zimmerman PGP entwickelte, fiel die Software unter das amerikanische Waffengesetz und Phil Zimmerman musste den Code für dieses Programm mit der Hand geschrieben in einem Buch außer Landes bringen.
    Das hat mir Orwell nichts zu tun sondern ist generell die Angst aller Machthaber aller Länder und Völker vor unkontrollierbaren Kommunikations- und Lebensbereichen.

    Und dass die Bürger Kubas inzwischen technisch up to date sind, weiß ich spätestens, seitdem sich Kubaner via Bluetooth Tools Zugang zum Handy eines Freundes verschafften und sündteure Auslandsgespräche über dessen Telefon durchführten.

    Ein etwas differenzierterer Blick auf die aktuelle Lebenssituation wäre nicht schlecht; die ewige Attitüde der subversiven Bloggerin, die sich als Sprachrohr der geknechteten kubanischen Bevölkerung geriert, nutzt sich mit der Zeit etwas ab 🙂

    Liebe Grüße,
    Peter

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