Die widerspenstigen Namen der Dinge

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Heute heißt nichts mehr so, wie es mir einst gesagt wurde. Die Avenida Salvador Allende, in meiner Kindheit die einzige Straße mit Bäumen, nennen sie heute wieder mit ihrem alten, herrschaftlichen Namen, „Carlos III“. Ich fahre durch eine umbenannte Stadt, obwohl die Schilder an den Ecken immer noch die Nachnamen von Helden tragen, die niemand ausspricht. Immer häufiger werden nun wieder die alten Bezeichnungen verwendet, selbst unter Menschen aus meiner Generation, die diese nie kennengelernt haben, als sie noch die normalen, prägenden Namen der Dinge waren. Egal wie sehr die Nachrichten auch darauf beharren, zum Beispiel die Feierlichkeiten im Sommer „Feste des Volkes“ zu nennen, wir reden weiterhin hartnäckig vom „Carneval“. Ähnlich verhält es sich mit jenem alljährlichen Fest im Dezember das die Nachrichtensprecher und Bürokraten als „Feierlichkeiten zum Jahresende“ bezeichnen, uns aber schon seit mehr als einem Jahrzehnt wieder als Weihnachten geläufig ist.

Die Bezeichnungen verraten uns, die Substantive eilen uns voraus, stehen im Widerspruch zu dem friedfertigen und vorsichtigen Benehmen das wir für gewöhnlich an den Tag legen. Die Benennung der Dinge ist zur meist verbreiteten Art geworden, die Realität zu verändern. Die Anrede „Genosse“ hört man heutzutage schon gar nicht mehr, stattdessen wird man mit dem ehemals gebrandmarkten „Señor“ angesprochen. Und bei der ersten Person Plural sind seit einer ganzen Weile schon die, die uns regieren, nicht mit inbegriffen. Heute sind sie nur noch „Die“. Und in den Entbindungsstationen der Krankenhäuser gibt niemand mehr seinem Neugeborenen einen Namen dieses olivgrünen Klans. Sogar das seltsame Phänomen, das offiziell als „Revolution“ bezeichnet wird, ist unter uns Bürgern mittlerweile zu einem neutralen Demonstrativpronomen geworden. Wir haben es auf „Das“ umgetauft, denn wir leben in Zeiten, in denen man sein Nicht-Konform-Sein zeigt, indem man den Dingen ihre einstigen, widerspenstigen Namen zurück gibt.

Übersetzung: Florian Becker
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