Der Stechschritt

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Mein Wohnviertel durchlebt eine kleine Erschütterung, eine Veränderung, die aus einer neuen Asphaltdecke besteht, aus Arbeitern, die die Straßen aufgraben und eine schwärzliche, klebende Schicht auftragen, die in einigen Tagen fest werden wird unter den Autoreifen. Wir sind alle erstaunt. Freude wäre das zu erwartende Gefühl, gäbe es da nicht die Beweggründe, die zu dieser Straßenerneuerung geführt haben, der Antrieb, der hinter diesen Arbeiten steckt. Der gesamte Platz der Revolution und die „eisige Zone“, wo ich wohne, werden für den großen Aufmarsch am kommenden 15. April vorbereitet. Ein Großereignis der militärischen Macht, das all jene umstimmen soll, die eine Veränderung in Kuba herbeisehnen.

Seit Wochen wird der Parkplatz des Lateinamerikanischen Stadions als Standort für Übungen genutzt, wo die Soldaten ihren Stechschritt trainieren. Beine werden im 45-Grad-Winkel gehoben und erinnern an Marionetten, die von Fäden gezogen werden, von einer Schnur, die sich dort oben in der Unermesslichkeit der Macht verliert. Ich weiß nicht, was an einer Militärparade schön sein soll, was an diesen synchronisierten und automatisierten Wesen bewegend sein soll, die vorbeimarschieren und dabei auf den Fürer in seiner Tribüne blicken. Aber den daraus resultierenden Effekt kenne ich gut: danach werden sie sagen, dass die Regierung bis an die Zähne bewaffnet ist, und dass die Leute, die protestierend auf die Straße gehen, auf dem selben Asphaltboden zermalmt werden, den man heute gerade repariert. Der Truppenaufmarsch soll uns klarmachen, dass die Partei nicht nur über Soldaten verfügt, um sie zu verteidigen, sondern auch über Truppen, die einen Aufstand niederschlagen können, und über Eliteeinheiten.

Ich würde es die Choreografie des autoritären Regimes nennen, aber andere ziehen es vor zu glauben, dass dies eine Demonstration von Unabhängigkeit sei, von nationaler Autonomie, was in Wirklichkeit eher Robinson Crusoe ähnelt, einsam und verlassen auf seiner Insel. Aber jenseits meiner Zweifel bezüglich der Uniformen, meiner Allergie gegen Paraden von Truppen, die im Gleichschritt marschieren, mache ich mir heute wegen des Asphalts Sorgen, wegen des frisch aufgetragenen Straßenbelags, den die Panzerketten bald beschädigen werden.

Übersetzung: Iris Wißmüller
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7 Gedanken zu „Der Stechschritt

  1. ‚Ich weiß nicht, was an einer Militärparade schön sein soll,‘

    Frau Sánchez, wie meinen Sie Ihren Beitrag?
    Mitlitärparaden sind etwas negatives? Oder Sie mögen nur nicht das Militär in Ihrem eigenen Land? Mögen Sie das Miltär eines anderen Landes z.B. der USA?
    Sind Sie generell gegen die Militarisierung der Welt und auch gegen Kriege? Ich entschuldige die vielen Fragen, ich versuche nur Ihren Beitrag zu verstehen.

    MfG,

  2. @karl Eduard. Ich wollte eigentlich nichts besonderes sagen es ist mir halt nur eingefallen…Mit dem Militaer ist das nun so eine Sache:Eigentlich sollen sie das Land verteidigen aber durch den Inbesitz von Waffen jeder Art werden sie ein Machtfaktor und wenn der in falsche Haende geringt kann das gefaehrlich werden dafuer gibt es ja unzaehlige Beispiele,,,auch in Kuba z.B……….

  3. @heriberto

    Und? Was willst Du damit singen? Soldatenlieder gibt es, seit es Soldaten gibt. In einem klugen Buch stand mal: „Aufgabe der Soldaten ist es, die zu verteidigen, die nicht in der Lage sind, sich selbst zu verteidigen.

  4. Frauen sind nicht in der Lage, so etwas zu begreifen. Da versagt ihre emotionale Intelligenz. Die versagt meistens schon bei der Frage, wozu sind Soldaten oder ist eine Armee gut. Sind denn nicht alle Menschen friedlich und wollen nur herzen und kosen? Aber ja! Und damit erübrigt sich eigentlich der Rest.

    Paraden sind zur Musterung gut. Sie vermitteln ein Bild der Streitkräfte nach Innen und Außen. Exakt marschierende Truppen bieten ein anderes Bild als Truppen, wo jeder vor sich dahinschlurft oder stolpert. Bürger bezahlen die Soldaten. Es ist daher nicht falsch, ihnen diese Soldaten auch mal zu zeigen. Ausländische Mächte könnten sich beim Anblick überzeugend paradierender Soldaten überlegen, ob sie sich militärisch in die inneren Angelegenheiten eines Staates einmischen oder nicht. Für Paraden wurde ein Paradeschritt entwickelt, der oft kurios aussieht, aber die Einheitlichkeit und Entschlossenheit einer Formation betonen soll. Deshalb gibt es so etwas.

    Hier mal ein Beispiel:

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